Artist Talk: Dennis Henke – im Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft

Willkommen lieber Dennis! Ich freue mich, dass du an meinem Artist Talk teilnimmst. Wir kennen uns durch das Kunst- und Atelierhaus ArtOutlet in Visselhövede, wo wir praktisch Ateliernachbarn sind. Ich freue mich, dass du uns einen Einblick in dein künstlerisches Schaffen geben möchtest.

Manuela Kannst du dich bitte kurz vorstellen?

Dennis Henke

Dennis: Mein Name ist Dennis Henke, ich bin 41 Jahre alt und lebe wieder in meiner Heimatstadt Rotenburg Wümme. Nach einer Ausbildung zum technischen Zeichner im Yachtbau und zuletzt 12 Jahren als Konstrukteur im Kreuzfahrtschiffbau habe ich mir Rotenburg ausgesucht für eine Phase der Besinnung und die Konzentration auf meine künstlerische Entwicklung.

Schon in meiner Jugend war die Malerei meine Form der Kommunikation. Während andere über Worte kommunizierten, habe ich Bilder geschaffen. Angefangen an Wänden, später auf Gegenständen, dann Zeichnungen und seit 2009 male ich auf Leinwand.

Nach dem Verlust meines Arbeitsplatzes und der kurz danach erfolgten Autismus-Spektrum-Störungs-Diagnose habe ich begonnen, meine Arbeiten zu zeigen. Es gab irgendwie nichts mehr zu verlieren und das war ausschlaggebend für die Suche nach Resonanz.

Bis heute verstehe ich meine Malerei als einen Dialog — über persönliche Erfahrungen, gesellschaftliche Muster und die Frage, was uns prägt und was wir hinter uns lassen.

Manuela: Auf deiner Homepage erfährt man ein wenig zu deinem Werdegang. Und zum Beispiel auch, dass du eine Asperger-Autismus-Form hast, die bei dir erst mit 40 Jahren entdeckt wurde. Inwieweit hat dies dein Leben vor der Diagnose gekennzeichnet und danach?

Dennis: Schon lange vor der Diagnose habe ich die Welt oft sehr intensiv über Muster, Strukturen und Details wahrgenommen. Die Malerei war für mich deshalb immer auch eine Form, Eindrücke zu ordnen und auszudrücken. Ich hatte in meinem Leben nie einen Platz in der Gesellschaft. Früher hieß Autismus mal Wrong-planet-syndrom, das trifft mein Erleben eigentlich sehr gut. Diese Isolation und mein Anderssein habe ich lange mit Substanzen betäubt und hatte mehrere psychosomatische Krankenhausaufenthalte.

Echter Austausch war immer nur mit sehr wenigen Menschen möglich und ich habe mein ganzes Leben maskiert und mich an vermeintliche Erwartungen anderer anzupassen. Erfahrungen wie zum Beispiel Mobbing sind typisch bei ASS und ziehen sich durch mein ganzes Leben. Um Konflikten aus dem Weg zu gehen bin ich Perfektionist geworden und habe für die Arbeit immer 150% meiner vorhandenen Energie eingesetzt..

Rückblickend konnte ich Erfahrungen, Reaktionen und Schwierigkeiten nach der Diagnose besser einordnen. Die chronische Depression hat sich dadurch in Luft aufgelöst. Die Erkenntnis, dass ich dafür nichts kann, dass ich einfach anders bin, hat mich frei gemacht. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich mich akzeptieren. Was alles nach meinem Umzug passiert ist fühlt sich an wie ein Traum. Der erste Schritt war es meine Bilder Ende 2024 zum ersten Mal öffentlich auf Instagram zu zeigen. Durch die großartige Resonanz ist eine Berliner Agentur auf mich aufmerksam geworden, mit der ich meine künstlerische Position gefunden habe. Das hat mich motiviert weiter zu machen und mir ist dann mein Atelier im ArtOutlet, die Dauer(nd)Ausstellung in Visselhövede zugeflogen.

Das Beste daran ist, dass ich dort zum ersten Mal endlich Menschen getroffen habe, die mich so annehmen können wie ich bin, trotz meiner Neurodiversität.

Manuela: Wie entsteht ein Bild? Denkst du in fertigen Bildern, die du nur noch „abzeichnest“, oder entwickelt sich das Werk spontan während des Malens?

Dennis: Nach einer langen Phase des Experimentierens habe ich mich mittlerweile auf die Arbeit in Serien konzentriert. Das Kernthema konnte ich dabei durch mein eigenes Erleben konzentrieren von Wahrnehmung und deren Verschiebung im Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft.

Jede Serie hat einen eigenen Prozess und ist ein anderer Aspekt der gleichen Untersuchung.

In meiner Serie ‚End of the world (neurodiverse Perspektive)‘ arbeite ich figurativ. Dafür entwickle ich die Idee in meinem Kopf und mache eine Arbeitsskizze. Es soll Missstände in der Gesellschaft aus meiner Sicht darstellen, nicht bewertend, einfach beobachtend.

Die Serie ‚Unspoken Feelings‘ fokussiert sich ausschließlich auf emotionale Wahrnehmung. Ich übersetze ein unausgesprochenes Gefühl in einen Arbeitstitel und ordne diesem Gefühl eine Farbpalette zu. Der Prozess ist dann vollkommen intuitiv geführt aus meinem Unterbewusstsein. Ich versuche während des Malens nicht nachzudenken.

Meine Serie ‚Redifining old patterns‘ habe ich nach 28 Werken eingestellt. Da habe ich alte Muster mit Sprühfarbe auf die Leinwand übertragen. Symbolische und neoexpressionistische Eingriffe darüber entstanden spontan und stehen für die Möglichkeiten der Veränderung in der Gegenwart.

Redifining Old Patterns | InnerUprising | 2026 | Dennis Henke

Die aktuellste Serie heißt ‚Metaconsciousness‘ und die ersten acht Kapitel habe ich komplett in meinem aktuellen autistischen Burnout gemalt. Die Serie knüpft an die Werkreihe ‚Neudefinition alter Muster‘ an und verschiebt den Fokus von der Beobachtung gesellschaftlicher Strukturen auf die Bedingungen ihrer Transformation. Im Zentrum steht die Frage, welche Formen von Wahrnehmung, Reflexion und Bewusstheit erforderlich sind, um über etablierte Denk- und Handlungsmuster hinauszugelangen. Hier arbeite ich intuitiv in zwei Ebenen, die sich gegenseitig beeinflussen.

Manuela: Inwiefern verarbeitest du mit deiner Kunst dein eigenes Leben und deine Wahrnehmung?

Dennis: Meine Arbeiten entstehen nicht aus konkreten Ereignissen, sondern aus Erfahrungen, Wahrnehmungen und Fragen, die mich über längere Zeit begleiten. Viele Bilder beschäftigen sich mit Mustern, Erwartungen und Symbolen, die wir aus unserem Umfeld übernehmen und die unser Denken prägen.

Meine eigene Wahrnehmung spielt dabei eine wichtige Rolle. Ich nehme Strukturen, Wiederholungen und Spannungen oft sehr bewusst wahr. In der Malerei werden diese Eindrücke sichtbar und verwandeln sich in Schichten, Zeichen und Überlagerungen. So wird die Kunst für mich zu einer Möglichkeit, persönliche Erfahrungen mit größeren gesellschaftlichen Themen zu verbinden.

Manuela: Kannst du durch deine Kunst Dinge ausdrücken, die mit Worten schwer zu beschreiben sind?

Dennis: Ja. Für mich beginnt Kunst oft dort, wo Sprache an ihre Grenzen stößt. Für mich persönlich ist die Malerei die Alternative zur Sprache. Ich bin damit wesentlich direkter und konkreter, als ich mich sprachlich ausdrücken könnte.

Manuela: Wie ordnest du selbst deine Kunst ein? (Gibt es einen Zeitbezug? Wie steht deine Arbeit im Kontext zur heutigen bildenden Kunst? Was ist deine eigene Kunst für dich?)

Dennis: Meine Kunst entsteht aus einer inneren Notwendigkeit. Es ist kein Wunsch vorhanden auf aktuelle Kunstströmungen zu reagieren; meine eigene Authentizität steht klar im Fokus. Gleichzeitig berührt sie Themen, die auch in der zeitgenössischen Kunst relevant sind:

Identität, Erinnerung, gesellschaftliche Prägungen und der Wandel von Bedeutung.

Bild links: Aus der Werkreihe ‚Unspoken feelings‘: Grounding | 2025 | Dennis Henke

Bild rechts: Aus der Werkreihe ‚Unspoken feelings‘: Inner Uprising | 2026 | Dennis Henke

In der Rezension zu ‚Unspoken feelings‘ wird mir eine hohe Aktualität bestätigt. Ich sehe meine Arbeit daher weniger als Kommentar zur Kunstwelt, sondern als eigenständigen Beitrag zu Fragen, die viele Menschen bewegen.

Kunst ist für mich eine Form der Kommunikation. Schon als Jugendlicher habe ich über Bilder Dinge ausgedrückt, für die ich keine Worte hatte. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Meine Arbeiten helfen mir, Wahrnehmungen, Erfahrungen und innere Konflikte sichtbar zu machen. Gleichzeitig sind sie eine Einladung zum Dialog. Was als sehr persönliche Suche beginnt, wird durch Begegnungen mit anderen zu etwas Gemeinsamen.

Deshalb ist Kunst für mich Ausdruck, Erkenntnis und Resonanz zugleich.

Manuela: Welche persönlichen, (oder politischen, sozialen, psychologischen, umweltbedingten) oder andere Themen sind für dich als Künstler in deiner eigenen Kunst wichtig? Was ist dir in deiner Kunst besonders wichtig und was möchtest du dem Betrachter mitteilen?

Aus der Werkreihe: End Of The World | The World Explodes Behind Us |2025 | Dennis Henke

Dennis: Mich interessiert, wie persönliche und gesellschaftliche Muster entstehen, welche Sicherheit sie geben und an welchem Punkt sie beginnen uns zu begrenzen. Ich möchte dem Betrachter keine fertigen Antworten vermitteln. Vielmehr möchte ich Räume öffnen, in denen eigene Erfahrungen, Erinnerungen und Fragen sichtbar werden.

Meine Bilder bewegen sich deshalb oft zwischen Verlust und Aufbruch, zwischen dem, was wir übernehmen, und dem, was wir hinter uns lassen. Ein wichtiges Anliegen meiner Arbeiten ist die Sichtbarkeit von Vielfalt, Inklusion und Gleichbehandlung. Jeder Mensch bringt eigene Erfahrungen, Wahrnehmungen und Perspektiven mit. Mich interessiert, wie gesellschaftliche Muster Zugehörigkeit schaffen können, aber auch, wie sie Menschen ausgrenzen.

Meine Arbeiten laden dazu ein, Gewohntes zu hinterfragen und unterschiedlichen Lebensrealitäten mit Offenheit zu begegnen. Für mich beginnt Inklusion dort, wo Menschen nicht an Erwartungen angepasst werden müssen, sondern in ihrer Individualität anerkannt werden.

Manuela: Wie empfindest du den Kontakt zum Publikum? Ist die Kunst für dich ein Weg, „ohne Worte“ mit der Gesellschaft in Beziehung zu treten?

Dennis: Lange Zeit habe ich für mich alleine gemalt und niemandem Bilder gezeigt. Der Kontakt zum Publikum ist für mich etwas ganz besonderes und zu erleben, dass Menschen ganz eigene Zugänge zu meinen Arbeiten finden berührt mich. Resonanz und Dialog sind Erfahrungen, die mir in meinem Leben gefehlt haben. In Menschengruppen bin ich aufgrund von Reizüberflutung verloren und verstehe nichts mehr bei Störgeräuschen. Dafür erfreuen mich Rückmeldungen zu meinen Werken im direkten Austausch umso mehr.

Manuela: Ganz oft haben Künstler:innen das Problem, sich als “nicht gut genug” zu empfinden und trauen sich erst gar nicht, ihre Werke anderen zu zeigen.  Wie stehst du dazu?

Dennis: Selbstzweifel prägen mein ganzes Leben und ich kann das gut nachvollziehen. Meine Malerei war immer etwas Privates und ich hatte lange gar nicht darüber nachgedacht, ob das jemanden interessieren könnte. Meine kreative Begabung kann ich mittlerweile annehmen und ich stehe voll hinter meiner Kunst, trotz ständiger Selbstkritik. Die Zusammenarbeit in 2025 mit der Künstleragentur hat mir das nötige Selbstbewusstsein gegeben. Die Schwierigkeiten sind bei mir im Sozialen angesiedelt aufgrund der Behinderung, daher zweifele ich eher am Leben und der Gesellschaft, nicht an meiner Kunst.

Manuela: Was macht es mit dir, wenn du dich deiner eigenen Kunst widmen kannst? Wie nimmst du diese Zeit für dich selbst wahr?

Dennis: Beim Malen öffnet sich für mich ein Raum jenseits von Zeit und Sorgen, in dem ich die Gegenwart intensiv erlebe. Ich arbeite in einem Hyperfokus und empfinde dabei eine außergewöhnliche Klarheit.

Dieser Zustand kann über viele Stunden anhalten – manchmal bis zu 15 Stunden. In dieser Zeit spielt mein Autismus für mich keine Rolle mehr; ich bin frei.

Es gibt nur noch den Dialog zwischen mir, der Farbe und der Leinwand. Die Außenwelt tritt in den Hintergrund. In diesen Momenten gibt es keine Filter zwischen meiner Wahrnehmung und der Leinwand. Vielleicht liegt genau darin die Authentizität meiner Bilder.

Manuela: Welche Materialien gehören zu deinen Favoriten und warum? Gib uns doch bitte einen kleinen Einblick zu deiner Motivation.

Dennis: Acrylfarben sind mein bevorzugtes Medium. Ich schätze ihre Klarheit, ihre Leuchtkraft und vor allem die kurze Trocknungszeit. Längere Unterbrechungen, wie sie beispielsweise bei Ölfarbe entstehen, würden meinen Arbeitsfluss stören und zu stark beeinflussen.

An zweiter Stelle steht Tinte. Durch meine Ausbildung als Technischer Zeichner habe ich eine besondere Beziehung zu präzisen Linien und grafischen Strukturen entwickelt. Diese Vorliebe fließt bis heute in meine Arbeiten ein.

Gouache nutze ich ergänzend. Ihre stumpferen, samtigen Farbtöne schaffen Kontraste zu den intensiven Acrylfarben und ermöglichen es mir, einzelne Bereiche eines Werkes gezielt zu akzentuieren.

Manuela: Ich möchte dich gerne nach deiner aktuellen Werkreihe „Metaconsciousness“ also Metabewusstsein befragen, die mich persönlich besonders angesprochen hat. Wie bist du hier vorgegangen, welche Materialien, Farben usw. hast du gewählt und wieso, was stellen die Linien und Farbhintergründe für dich dar?

Metaconsciousness Chapter I-V | 2026 | Dennis_Henke

Dennis: „Metaconsciousness“ ist aus meiner vorherigen Werkreihe „Redifining old patterns“ hervorgegangen. Während ich mich dort mit bestehenden Denk- und Verhaltensmustern auseinandergesetzt habe, stellt die neue Serie eine andere Frage: Was muss im Bewusstsein geschehen, damit wir solche Muster überhaupt erkennen und verändern können?

Aufgrund der neuen Fragestellung habe ich die Serie „Redifing old patterns“ nach 28 Werken eingestellt.

Metaconsciousness Chapter VII | IntegrativeHorizon | 2026 | Dennis Henke

Die Grundlage für die Serie „Metaconsciousness“ enstand während meines autistischen Burnouts, mit dem ich noch lerne umzugehen. Es unterscheidet sich von einem klassischen Burnout. Er entsteht häufig durch eine über lange Zeit anhaltende Überforderung, das ständige Anpassen an die Umwelt sowie eine hohe sensorische und soziale Belastung. Bei mir sind im letzten Jahr viele positive Veränderungen eingetreten und ich glaube mein Nervensystem wurde bei der Verarbeitung und der Einordnung davon überlastet.

Für mich wurde diese Zeit zum Ausgangspunkt einer intensiven Auseinandersetzung mit Wahrnehmung, Bewusstsein und Veränderung.

Malen wurde für mich die Möglichkeit, diese Veränderungen nicht nur zu verarbeiten, sondern sie bewusst zu untersuchen und zu visualisieren. Jedes Bild der Serie ist wie ein Kapitel einer fiktiven wissenschaftlichen Forschungsarbeit über Wahrnehmung, Kognition und Bewusstsein.

Der wissenschaftlich anmutende Aufbau ist dabei bewusst gewählt. Er schafft Distanz zu den eigenen Erfahrungen und eröffnet gleichzeitig einen Raum, sie systematisch zu betrachten.

Metaconsciousness Chapter VII | Integrative Horizon | 2026 | Dennis Henke

Ich arbeite ausschließlich mit Acrylfarben, weil sie meinem Arbeitsprozess entsprechen und mir ermöglichen mich klar auszudrücken. Die kurzen Trocknungszeiten erlauben es mir, Gedanken unmittelbar auf die Leinwand zu übertragen und verschiedene Ebenen Schritt für Schritt miteinander zu verbinden. Die Farbflächen stellen keine Landschaften oder konkreten Objekte dar. Sie stehen für dynamische Zustände, emotionale Spannungsfelder und die Komplexität innere Prozesse.

Die Raster und Linien haben sich im Laufe der Serie bereits weiterentwickelt. Anfangs lagen sie als ordnende Struktur über dem Bild. Mit jedem Kapitel wurden sie stärker Teil der Malerei selbst und begannen, mit den Farbflächen zu verschmelzen. Für mich symbolisieren sie die Wechselwirkung zwischen Ordnung und Veränderung – zwischen dem Versuch, Wahrnehmung zu strukturieren, und der Erkenntnis, dass sich auch diese Strukturen ständig weiterentwickeln.

Metaconsciousness Chapter VI | Neural Interface | 2026 | Dennis Henke

Der Titel „Metaconsciousness“ beschreibt deshalb keinen bestimmten Bewusstseinszustand. Er steht für die Fähigkeit, das eigene Denken und Erleben zu beobachten, zu hinterfragen und dadurch Veränderung überhaupt erst zuzulassen. Ich glaube, dass persönliche Entwicklung erst möglich wird, wenn wir lernen, unser eigenes Bewusstsein zu reflektieren. Genau dieser Gedanke bildet den Kern der  gesamten Werkreihe.

Manuela: Was brauchst du um schöpferisch tätig zu sein? Bzw. wie bilden sich deine Ideen für Werke aus?/ Wie entstehen deine Werke, wie gehst du an deine Kunst heran?

Dennis: Ich habe selten das Gefühl, auf eine Idee warten zu müssen. Mein Kopf arbeitet permanent auf Hochtouren. Ich stelle ständig Zusammenhänge her, analysiere, hinterfrage und denke in Mustern.

Durch meinen fehlenden Reizfilter nehme ich deutlich mehr Informationen wahr, als ich gleichzeitig verarbeiten kann. Das kann sehr belastend sein, eröffnet aber auch ungewöhnliche Blickwinkel.

Ungerechtigkeit, Widersprüche oder ungelöste Fragen beschäftigen mich oft so lange, bis ich einen Weg finde, sie einzuordnen. Ich verarbeite und kommuniziere überwiegend visuell. Malerei ist für mich deshalb weit mehr als ein kreatives Medium – sie ist ein Werkzeug, um komplexe Gedanken und Wahrnehmungen sichtbar zu machen.

Meine Werke entstehen nicht aus einem spontanen Einfall, sondern aus einem langen inneren Prozess. Irgendwann verdichten sich Gedanken, Beobachtungen und Erfahrungen zu einem Punkt, an dem sie eine visuelle Form verlangen, Erst dann beginne ich zu malen, Jede Arbeit beantwortet eine Frage und wirft gleichzeitig die nächste auf.

Manuela: Welches Kunstwerk würdest du gerne besitzen und wie bzw. wo würdest du es gerne präsentieren?

Dennis: Ich mache mir nicht viel aus Besitz. Ich bin froh, wenn ich am Monatsende meine Rechnungen bezahlen kann. Es gibt nicht wirklich viel, dass glücklich macht auf dieser Welt und einen Preis hat.

Farben und Leinwände schließe ich da aus. Meine Wohnung hängt bereits voller eigener Arbeiten, dazu kommen einige kleinere Werke befreundeter zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler sowie eine Postkartensammlung mit Arbeiten, die mich inspirieren.

Wenn ich mich entscheiden müsste, wäre es wahrscheinlich ein Pollock. Ich suche gerne und automatisch nach Mustern, und ich glaube, mein Kopf wäre dort ständig beschäftigt – auf eine ruhige, fast friedliche Weise. Ich würde ihn wohl über das Bett hängen, für schlaflose Nächte.

Manuela: Wo entstehen deine Werke?

Homestudio | Dennis Henke

Dennis: Ich male seit 2009 auf Leinwand und habe das immer für mich alleine in meinem Wohnzimmer gemacht. Seit Januar 2025 arbeite ich in meinem Atelier im Artoulet, die Dauer(nd)Ausstellung in Visselhövede. Hier kann ich Techniken mit viel Farbe ausprobieren und mich kreativ austoben.

Die Teilhabe an einer kreativen Gemeinschaft hat mein Leben sehr stark bereichert. Das Atelier ist ein Wohlfühlort für mich geworden. Parallel dazu habe ich mir noch ein Studio in meinem Wohnzimmer in Rotenburg eingerichtet.

Manuela: Wieviel Raum und Zeit nimmt Kunst in deinem Leben ein?

Dennis: Das ist bei mir verschieden und hängt direkt mit meinem Lebensweg zusammen. Generell habe ich gelernt, dass es bisher immer nur Krisen in meinem Leben gegeben hat, wenn ich nicht gemalt habe. Über die Malerei bin ich jedes Mal wieder daraus gekommen.

Als ich Ende 2024 meinen Job aufgegeben habe um mich der Malerei zu widmen, hat das eine kreative Explosion ausgelöst und ich hatte nichts anderes mehr im Kopf. Am ersten Tag in meinem Atelier habe ich total das Zeitgefühl verloren und ich habe 12 Stunden gearbeitet. Darauf folgten sehr intensive Wochen und Monate in der Transfergesellschaft, die ich für meine künstlerische Praxis mit bis zu 80 Wochenstunden im Atelier verwendet habe. Rückblickend war das die beste Zeit meines Lebens. Die Sorgen waren weit weg und ich konnte mich kreativ ausdrücken und experimentieren. In dieser Zeit habe ich dann auch meine künstlerische Position gefunden in Zusammenarbeit mit einer Künstleragentur.

Aktuell bin ich in der Tagesklinik um meinen autistischen Burnout zu kurieren, jetzt gelingt es mir aber morgens 1-2 Stunden zu arbeiten und mein aktuelles Erleben malerisch zu dokumentieren.

Im nächsten Schritt werde ich mir dann eine Routine erarbeiten, die genügend Zeit für die künstlerische Praxis freihält, wo sich dem aber nicht wieder alles unterordnet, wie es die letzten 1,5 Jahre war. Wie genau ein gesundes Maß aussehen kann, erarbeite ich mir gerade.

Manuela: Gibt es Techniken oder Materialien, mit denen du gerne experimentieren wollen würdest?

Dennis: Ich habe tatsächlich eine Sammelleidenschaft für Farbe und sobald ich Farbe sehe, die ich noch nicht kenne, nehme ich die mit. Experimentieren und praktisch ausprobieren ist etwas, das ich liebe.

Prinzipiell würde ich gerne auf größeren Leinwänden arbeiten, das hängt gerade noch an der Logistik und ich muss noch darüber nachdenken, wie ich das umsetze.

Durch Ergotherapie bin ich immer mal wieder mit Bildhauerei in Kontakt gekommen. Ich denke, dass das ein Thema für mich werden könnte. Ich habe bereits Ton und Speckstein kennengelernt und die Arbeit macht mir Spaß, der Kern bleibt aber die Malerei.

Manuela: Gibt es Menschen, die deine Kunst beeinflusst haben?

Dennis: Ich denke, die Tatsache, dass ich male habe ich meiner Mutter zu verdanken. Meine erste Erinnerung daran ist, dass ich als Kind ihr bei einem Zeichenkurs auf Mallorca zugesehen habe. Sie hat, soweit ich mich erinnere, eine Windmühle unter freiem Himmel gezeichnet.

Manuela: Was war Deine schönste Reaktion auf Deine Kunst, die Du bekommen hast?

Dennis: Vor kurzem gab es einen Vortrag über Farbtheorie und ich durfte den Raum mit meinen Bildern ausstatten. Im Gespräch sollte zum Abschluss jeder etwas zu zwei von meinen Werken sagen und das zuvor gelernte über Farbe dabei anwenden. Das war dann ein schönes Kompliment zu merken, dass meine Werke tatsächlich verstanden werden und die Wirkung auf die Betrachter mit meiner Intention übereinstimmt.

Manuela: Welche Ausstellungen und künstlerische Projekte haben dich in deinem Werdegang besonders geprägt?

Dennis: Ich habe schon seit der frühesten Kindheit gemalt, aber bis zu meinem 40. Lebensjahr habe ich meine Werke eigentlich keinem Menschen gezeigt. Meine ersten beiden Bilder, die ich tatsächlich in einer Ausstellung hatte, hingen im Stadtmuseum in Meppen, bei einer Ausstellung zu dem Thema Mut. Das hat sich über die ambulante Wohnbetreuung ergeben, die mich damals auf dem Weg zu meiner Autismus Diagnose begleitet hat. Ich denke, dass hat dann auch die Weichen gestellt, dass ich mich überhaupt getraut habe mich zu zeigen, als Mensch und als Künstler.

Manuela: Was bewegt dich gerade?

Dennis: Mich bewegt gerade vor allem die Frage, wie ich nach meinem autistischen Burnout meinen Weg als Künstler und als Mensch weitergehen kann.

Die letzten Monate haben mein Leben grundlegend verändert. Ich musste akzeptieren, dass vieles, was für andere selbstverständlich ist, für mich anders funktioniert und das es Schwierigkeiten gibt, die für andere tatsächlich nicht nachvollziehbar sind. Gleichzeitig habe ich durch diese Zeit begonnen, meine Wahrnehmung bewusster zu verstehen und ihr in meiner Kunst einen Raum zu geben.

Ich befinde mich aktuell in einer psychiatrischen Tagesklinik und hoffe, in den kommenden Monaten weitere Antworten zu finden – nicht nur auf diagnostische Fragen, sondern vor allem darauf, wie ich langfristig ein Leben gestalten kann, das zu mir passt.

Trotz aller Herausforderungen habe ich etwas Wertvolles entdeckt: Kunst ist für mich weit mehr als ein Beruf oder ein Ausdrucksmittel. Sie ist eine Form des Denkens, der Kommunikation, ein Werkzeug, um Wahrnehmung zu erforschen, und manchmal auch ein Ort, an dem ich für einen Moment ganz bei mir selbst sein kann.

Manuela: Was hat dich zuletzt inspiriert?

Dennis. Meine größte Inspiration war mein autistischer Burnout. Er hat meine Wahrnehmung so grundlegend verändert, dass ich begonnen habe, sie malerisch zu untersuchen. Reize, Strukturen und innere Zustände wurden intensiver und gleichzeitig schwerer einzuordnen während dieser Zeit.

Aus diesem Versuch, die eigene Wahrnehmung und das innere Erleben zu verstehen, ist die Serie Metaconsciousness entstanden. Die Bilder sind keine direkten Darstellungen des Burnouts, sondern eher eine fiktive wissenschaftliche Untersuchung darüber, wie Bewusstsein, Ordnung und Instabilität miteinander in Beziehung stehen.

Manuela: Was ist Kunst für dich? In 3 Worten!

Dennis: Kommunikation. Verbindung. Entwicklung.

Manuela. Woran arbeitest du im Augenblick?

Dennis. Derzeit arbeite ich an neuen Werken zu meiner Serie ‚Unspoken Feelings‘. Die Werke dokumentieren meine aktuelle Lebenssituation und helfen mir, meine inneren Erfahrungen zu visualisieren und einzuordnen. Die Bilder entstehen als unmittelbare Auseinandersetzung mit dem, was sich oft nur schwer in Worte fassen lässt.

Manuela: Deine nächsten Projekte, Ausstellungen. Wo kann man dich in diesem Jahr noch sehen?

Dennis: In diesem Jahr sind zwei weitere Ausstellungen im Artoutlet in Visselhövede geplant, an denen ich teilnehme und mein Atelier öffne. Darüber hinaus laufen derzeit Bewerbungen für weitere Ausstellungsprojekte.

Gleichzeitig erlebe ich, dass meine Behinderung viele Dinge komplizierter macht – vom Netzwerken bis zur Teilnahme an Veranstaltungen. Umso wichtiger ist es für mich, meinen eigenen Weg als Künstler konsequent weiterzugehen und meine Arbeiten Schritt für Schritt einem größeren Publikum zugänglich zu machen.

Manuela: Wo kann man dich online finden?

www.dennishenke.art

www.instagram.com/dennishenke.art

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert