Tipp: Zweimal Deutschland um 1980

18.4. – 11.10.2026 Museum Ludwig Köln

Christiane Eisler, Heike, 1983, 1983, Gelatinesilberpapier auf Karton 45,9 x 30,8 cm, Museum Ludwig Köln, © Christiane Eisler, Repro: Historisches Archiv mit Rheinischem Bildarchiv
Christiane Eisler

Fotograf*innen: Derek Bennett (1944–1990), Christiane Eisler (geb. 1958), Karl Kugel (geb. 1957), Ute Mahler (geb. 1949), Henry Maitek (1922–2007), Evelyn Richter (1930–2021) und Erasmus Schröter (1956–2021)

Die Sammlung Fotografie des Museum Ludwig umfasst rund 70.000 Werke von den Anfängen der Fotografie im frühen 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. In unseren Fotoräumen stellen wir regelmäßig Werke zu ausgesuchten Themen und Fotograf*innen zusammen.

Die Präsentation zeigt eine Auswahl von Fotografien aus Ost- und Westdeutschland, die um das Jahr 1980 entstanden sind. Die Arbeiten von sieben Fotograf*innen geben Einblicke in gesellschaftliche und alltägliche Lebenswelten beider deutscher Staaten, die von unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Systemen geprägt waren. 

Porträtfotografien von Derek Bennett, Christiane Eisler und Ute Mahler treffen auf Aufnahmen von Henry Maitek und Evelyn Richter, die Alltagsszenen festhalten. Karl Kugel dokumentierte seine Reise vom Rheinland nach West-Berlin und montierte die Abzüge zu einem Fotoessay. Erasmus Schröter fotografierte mit einer Infrarotkamera nächtliche Straßenszenen in Leipzig und verfremdete damit den vertrauten Blick auf das Alltägliche. In vielen Fällen geben erst die Bildtitel Aufschluss darüber, ob die Fotografien in der Bundesrepublik oder in der DDR entstanden sind.

Evelyn Richter, Vor Gerhard Richters „Ema“ (Akt auf einer Treppe), 1966 und Konrad Klaphecks „Der Diktator“, 1967/70, Sammlung Ludwig Köln, 1981, 1981 Gelatinesilber auf Barytpapier, Handabzug der Künstlerin 30 x 39,8 cm, Museum Ludwig Köln
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026 / Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig, Repro: Historisches Archiv mit Rheinischem Bildarchiv

Die ausgewählten Arbeiten zeigen keine historischen Ereignisse. Stattdessen richten sie den Blick auf scheinbar beiläufige Situationen und Menschen. Viele der Bilder entziehen sich einer eindeutigen Lesart, da sie bewusst auf typisierende Darstellungen verzichten. Gerade diese Offenheit unterläuft Erwartungen an sichtbar unterschiedliche Lebensrealitäten in zwei politischen Systemen. Ergänzende Informationen zum historischen Kontext helfen dabei, das Abgebildete einzuordnen.

In der Bundesrepublik veränderte sich die Gesellschaft um 1980 durch Arbeitsmigration sowie durch das Aufkommen der neuen sozialen Bewegungen. Politische Debatten und Demonstrationen – etwa zum NATO-Doppelbeschluss, zu Umweltfragen oder zu Hausbesetzungen – prägten die öffentliche Diskussion. Diese Entwicklungen gingen mit einem politischen Wandel einher, der schließlich zur konservativ-liberalen Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl führte.

In der DDR waren die Unterzeichnung der Schlussakte der „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ 1975 in Helsinki mit Hoffnungen auf größere Freiheiten verbunden, die jedoch enttäuscht wurden. Gleichzeitig verschärften sich die wirtschaftlichen Probleme, und die Versorgungslage der Bevölkerung verschlechterte sich spürbar. In weiten Kreisen wurden daher die 1980er Jahre als eine Phase bleierner Stagnation erlebt. 

Ute Mahler, Aue, Zirkus Hein, 1973, Aus der Werkgruppe Zusammenleben, Gelatinesilberpapier 30,7 x 45,9 cm, Museum Ludwig Köln, © Ute Mahler, Galerie Springer Berlin, Repro: Historisches Archiv mit Rheinischem Bildarchiv

Das Leben in der Bundesrepublik wird in der Präsentation von drei Fotografen porträtiert, die in Polen, den USA und Frankreich geboren wurden und somit einen Blick von außen auf die deutsche Gesellschaft werfen. Bereits die Titel ihrer Arbeiten – Deutschland ins Gesicht geschaut von Henry Maitek (1969), Stille Zwiesprache. Bildnisse von Deutschen von Derek Bennett (1978–1981) und Deutsche Reise von Karl Kugel (1983/1987) – verweisen auf ihre Auseinandersetzung mit dem Bild der Deutschen nach 1945.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR sind in den Arbeiten von vier Fotograf*innen eingefangen, die mit der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig verbunden sind. Ute Mahler, Christiane Eisler und Erasmus Schröter studierten dort; Evelyn Richter lehrte von 1981 bis 2001 an der Hochschule. In der DDR kam der Fotografie eine besondere gesellschaftliche Funktion zu: Sie sollte die Staatsdoktrin des „real existierenden Sozialismus“ vermitteln. Entsprechend streng waren die staatlichen Vorgaben bis Mitte der 1970er Jahre. Erst danach wurden größere Freiheiten bei der Wahl der künstlerischen Ausdrucksmittel eingeräumt, und lebensweltliche Themen hielten Einzug in die Fotografie. Während des Rektorats von Bernhard Heisig (1976–1987) bot die HGB ihren Studierenden vergleichsweise große Freiräume. Evelyn Richter steht exemplarisch für eine Lehre, die das selbstbewusste, eigenständige Entscheiden über Themen und Motive förderte.

Der Schwerpunkt der Präsentation liegt auf Fotografien aus der Zeit um 1980. Ergänzend werden einzelne Arbeiten von Henry Maitek und Evelyn Richter aus den 1960er Jahren gezeigt, die den zeitlichen Rahmen erweitern und zusätzliche Perspektiven eröffnen.  (Quelle: Museum Ludwig)/ Kuratorin: Barbara Engelbach

Museum Ludwig 
Heinrich-Böll-Platz 
50667 Köln

1 Comment

  1. This curatorial text from the Museum Ludwig presents a deeply thoughtful and sensitive reflection on photography as a medium of everyday truth and quiet observation.

    What stands out most is its emphasis on ordinary life rather than grand historical events. The selected photographers—spanning both East and West Germany around 1980—do not aim to dramatize history. Instead, they gently capture fragments of human existence: portraits, street scenes, travel impressions, and subtle moments of daily life. In doing so, the collection reveals how much meaning exists in what is often overlooked.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert