Willkommen lieber Jens, ich freue mich, dass du an dem Artist Talk teilnimmst und den Leser:innen und mir einige Fragen zu deiner Kunst beantwortest. Wir kennen uns eigentlich bisher nur flüchtig durch die Bergedorfer Kunstschau, die du immer mit organisiert hast. Und umso schöner finde ich es, dass du nicht nur ein Mitorganisator bist/warst, sondern eben auch selbst Künstler. Leider erfährt man nicht viel über dich als Person und Künstler, sodass dieser Artist Talk vielleicht ein guter Anlass ist mehr von dir zu offenbaren.
Manuela: Stelle dich doch bitte kurz vor, wo lebst und arbeitest du, seit wann machst du Kunst?
Jens: Liebe Manuela, vielen Dank für die Gelegenheit mich in deinem Artist Talk vorzustellen. Ich bin Jens Kappenberg, lebe und arbeitete in Bergedorf im Osten von Hamburg.

Seit 1973 male ich regelmäßig in verschiedenen wasserlöslichen Techniken auf Papier. Aufgewachsen bin ich in Aumühle noch etwas weiter östlich im Sachsenwald in Schleswig-Holstein. Das erwähne ich nur, weil viele meiner Motive hierher stammen (Gründerzeitvillen, Kirchen, Bismarckdenkmäler, etc.), die ich auch gern direkt im Freien in plein air Manier gemalt habe.

Ich habe als Physiker in der Umweltforschung gearbeitet und mich dort mit Strömungen und Transportvorgängen in Tideflüssen (Elbe) beschäftigt. Dies war kein reiner Brotberuf. Ich habe auch die wissenschaftliche Arbeit geliebt. Eine Stunde am Morgen vor der Arbeit, die Wochenenden und Ferien waren dann für die Kunst (und das restliche Leben) da.
Manuela: Wie kamst du zur Kunst? Was zog dich hier an?
Jens: Ich habe schon in meiner Schulzeit gern gemalt und später dann in einer kleinen Zeitschrift das Layout und die Abbildungen gemacht. Zwischen Abitur und Studium hatte ich etwas mehr Zeit und begann (weg vom Tuschkasten) mit Gouache-Farben auf Papier zu arbeiten. Das Papier habe ich dann mit Patex auf Spanplatten geklebt, risikoreich aber
immer erfolgreich.

1975 bin ich der Kunstgemeinschaft Sachsenwald in Reinbek beigetreten und war dort bis zu ihrer Auflösung 2013 aktiv. Danach haben wir aus 7 ehemaligen Mitgliedern die Gruppe gegenwART7 gegründet.
Manuela: Du bist Autodidakt und hast dir seit 1973 eine besondere Bildsprache mit Aquarell und wasserlöslichen Farben erarbeitet. Etwas, was mich ganz besonders fasziniert und interessiert. Du lässt facetten- und detailreiche Welten entstehen. Warum hast du dich gerade darauf spezialisiert?
Jens: Ich war es gewohnt auf Papier zu arbeiten und habe dann ganz unterschiedliche Papiersorten und ihre Interaktion mit Wasser wasserlöslichen Farben kennengelernt. Zuerst habe ich auf Tiefdruckpapier gemalt (war auch billiger). Wie gesagt begonnen haben ich mit Gouachefarben (die nannten sich damals Gummi-Leim-Tempera), habe
dann aber 1979 mit Aquarellfarben experimentiert. Fasziniert haben mich dabei die Möglichkeiten der Lasur und die immer etwas mattere Farbgebung gegenüber Acryl und Öl: Die Farbe wird vom Papier aufgesaugt und liegt nicht wie eine Haut darüber. Die klassische Arbeitsweise (rette den weißen Hintergrund durch Aussparen oder Maskieren)
fand ich für meine Ziele nicht so prickelnd und bin dann gleich mit Deckweiß zu Mischtechniken übergegangen.

Manuela: Wie kamst Du zur Kunst (zu deiner eigenen Kunst)? Gab es ein besonderes Ereignis, das den Ausschlag dafür gegeben hat, um die künstlerische Laufbahn einzuschlagen? Was hat dich bewogen gerade den Bereich der Malerei zu erkunden?
Jens: Wie schon im Voraus gesagt,das Malen ist für mich immer eine ganz normale Angelegenheit gewesen, in der ich Eindrücke verarbeite (aus Literatur, Musik und Umwelt).
Manuela: Du arbeitest auch mit Mischtechniken und Tiefdruck, den du überzeichnest. Bitte erkläre doch hier ein wenig, was hierbei den besonderen Reiz für dich ausmacht? Sind die Arbeiten immer monochrom? Und was macht den Reiz aus?
Jens: Ich habe nicht die technischen Möglichkeiten in meinem Atelier Tiefdruck (Radierungen) zu machen. Auf entsprechenden Kursen hat mich besonders die Aquatinta Technik fasziniert, weil man nur erahnt, was man da produziert, bis der Druck erfolgt. Diese Zufälle kann man dann gestalten, in dem man mit Tinte oder Farbstift in das Gedruckte zeichnet. Ich bleibe dabei lieber bei schwarzen oder grauen Stiften, weil die sich besser mit dem Druck
verbinden: Farbe braucht es hier nicht.

Manuela: Wenn man sich deine Bildtitel anschaut, dann stößt man auf spirituell anmutende Begriffe, die wirken als seien sie teils der Bibel entnommen und teils an spirituelle Welten/Portale erinnern mögen. Was hat es damit auf sich?
Jens: Mit der Bibel bin ich nicht so vertraut und bin mir auch nicht sicher, was ich unter spirituell verstehen soll (sicherlich nicht etwas was mit Kirche und institutioneller Religion zu tun hat). Ich versuche im Vertrauten das Ungewöhnliche und Geheimnisvolle zu finden.
Manuela: Du arbeitest auch projektbezogen. Auf deiner Website kann man u.a. das Projekt Requiem einsehen. Die Titel sind auf Latein, leider fehlt hier mehr Information, wie es zu diesem Projekt gekommen ist und was dich antreibt. Kannst du ein wenig Einblick in dieses Projekt geben? Was auffällig ist, wie detailreich diese Werke sind. Man muss sich schon Zeit nehmen sie zu betrachten, weil man immer wieder mehr und mehr darin entdeckt. Wieviel Zeit wendest du auf für ein Bild?
Jens: Das Requiem Projekt basiert auf der katholischen Totenmesse, die mit den Worten „requiem aeternam dona eiis domine“ (Gib ihnen ewige Ruhe, Herr) beginnt. Ursprünglich konnte man das Requiem (gegen Bezahlung) für verstorbene Angehörige lesen lassen, um deren Aufenthalt im Fegefeuer zu verkürzen. Der Text (ein Gedicht aus Versen) wurde immer wieder vertont und enthält für mich inspirierende Passagen und Bilder auch aus der Apokalypse, die durch die Musik intensiviert werden. Am Weltende passiert dann schon so einiges, zum Beispiel am „dies irae“ (Tag des Zorns).

Meine Bilder brauchen Zeit, einmal wegen der Details, aber auch weil nicht schon bei Beginn ein vollständiges Konzept habe. In der Regel gibt es keine Vorzeichnung (außer bei Landschaften und Auftragsarbeiten), das Bild entwickelt sich auch assoziativ. Ich arbeite an mehreren Arbeiten gleichzeitig, aber ein bis zwei Monate braucht ein Bild mindestens.
Manuela: Wenn man sich deine Texte durchliest, wie sie beispielsweise unter Projekten zu finden sind, dann lese ich da viel Poetisches heraus. Etwas Feinsinniges, das geradezu lyrisch etwas beschreibt. Wie im Projekt Friedrichsruh. Deine Werke dazu und der Text ergeben ein besonderes Gesamtbild, das man sofort nachempfinden kann, wenn man sich darauf einlässt. Wie kommt es zu diesen Projekten? Denkst du sie dir selbst aus? Sind sie an Ausschreibungen angeknüpft? Was bewegt dich hier?
Jens: Das Projekt Friedrichsruh war eine Gemeinschaftsausstellung von gegenwART7 in der dortigen Bismarckstiftung. Den Text dazu sollte man nicht total ernst nehmen, er ist auch eine Persiflage im Stil von H.P. Lovecraft.

Die anderen Projekte habe ich mir selbst ausgedacht, teilweise basierend auf äußeren Anregungen z.B. einem Musikstück wie Hector Berliozs Symphonie fantastique. Das Stück hat ein außermusikalisches Programm und besteht aus 5 Sätzen, die ich in 5 Bilder umgesetzt habe, z.B. die Ballszene des zweiten Satzes.

Manuela: Hast Du künstlerische Vorbilder? Wenn ja, wen/welche?
Jens: Eher Anregungen als direkte Vorbilder: William Turner, Max Ernst, Dorothea Tanning,
Richard Oelze, die Wiener und Leipziger Fantasten.
Manuela: Wieviel Zeit widmest Du der Kunst in Deinem Leben?
Jens: Für die eigene Arbeit spendiere ich mehrere Stunden am Tag. Aber ich besuche auch viele
Ausstellungen (meist in Hamburg) und arbeite in Orgateams und Juries mit.
Manuela: Wie entstehen deine Werke und wie gehst du an sie heran? Berichte doch ein wenig
auch über deine Technik.
Jens: Mein Vorgehen beruht auf der Kombination von „Zufall und Notwendigkeit“ (Jaques Monod). In der Regel starte ich mit Zufallsverfahren: Viel Wasser, viel Farbe, flüssig und aus Tuben, Kleckse, Dripping, etc. Nach dem Trocknen mache ich zielgerichtet etwas aus den zufälligen Strukturen (ähnlich wie bei den Radierungen), zeichne mit dem Pinsel oder Stiften. Auch der Airbrush kommt zum Einsatz.


Foto links: Stillleben im Fenster | 2019 | Jens_Kappenberg
Foto rechts: Seestueck | 2017 | Jens_Kappenberg
Manuela: Hast Du ein Anliegen das Du mit Deiner Kunst verfolgst?
Jens: Reines Vergnügen, mir zu gefallen.
Manuela: Was inspiriert dich, bzw. wie bilden sich deine Ideen für Werke aus?
Jens: Alles, was ich wahrnehme, Literatur, Musik.

Manuela: Wieviel deiner eigenen Persönlichkeit und deines eigenen Lebens, Umfeld, Menschen
usw. finden sich in deinen Werken wieder?
Jens: Wahrscheinlich eine ganze Menge, aber unbewusst.
Manuela: Was war Deine schönste Reaktion auf Deine Kunst, die Du bekommen hast? Und was
die Schlimmste?
Jens: Positive Reaktionen sind immer Interesse und Gepräche (durchaus auch kritische) über die Arbeiten. Das führt dann manchmal auch zu Einladungen für zukünftige Ausstellungen und Kooperationen mit anderen Künstlern.
Negativ ist für mich Desinteresse, aber nicht jeder Mensch interessiert sich für Kunst und meine ist schon fordernd: So was hängt man sich nicht so einfach übers Sofa.
Manuela: Gibt es ein Kunstwerk in deinem Leben, das dich besonders beeindruckt hat?
Jens: Sobald ich eines gefunden habe, entdecke ich ein neues dazu, das mich noch mehr beeindruckt.
Manuela: Was tust du, wenn du Inspiration für deine Werke brauchst und gerade nicht
weiterkommst?
Jens: Ich arbeite immer parallel an mehren, teils auch technisch sehr unterschiedlichen Bildern. Wenn es in einem gerade nicht mehr weitergeht, geht es meistens in einem der anderen. Spaziergänge und Radtouren helfen auch.

Manuela: Eine Frage, die Dich gerade beweg
Jens: Wann hören diese ganzen Kriege auf?
Manuela: Was hat dich zuletzt inspiriert?
Jens: Eine Landschaft in Schleswig-Holstein.
Manuela: Was ist Kunst für dich? In 3 Worten!
Jens: Überraschung immer wieder.
Manuela: Woran arbeitest du im Augenblick?
Jens: An einigen liegengebliebenen Bilder, in denen ich noch Potential sehe. Das Projekt Requiem will ich noch weiter führen. Es fallen mir aber zu den noch zu bebildernden Texten zur Zeit keine zündenden Gedanken ein.



Manuela: Von welchem Projekt „träumst“ du?
Jens: Von keinem. Ich kann im Rahmen meiner Möglichkeiten alles machen, was ich will.
Manuela: Wo kann man dich in diesem Jahr finden (auf welchen Ausstellungen/ Messen/
Kunsttagen….)
Jens: Da gibt es noch nichts Sicheres. Drei Ausstellungen sind angedacht und angefragt.
Manuela: Wo bist du online zu finden?
Jens: Nur im klassischen Internet: http://www.jens-kappenberg.de, http://www.jgegenwart7.de
