noch bis zum 3.10. 2026 / Finissage am 3-10.2026, 14-18Uhr, KIM Uckermark
Jessica Backhaus | Isabelle Borges | Lisa Tiemann

Berührungspunkte …
… auf den ersten Blick scheint dieser Titel mehr als verständlich, sehen wir doch vor uns Arbeiten, die – trotz der unterschiedlichen Medien Fotografie, Malerei und Skulptur – in ihrer Ästhetik viele Ähnlichkeiten aufweisen: die abstrakte, organisch-geometrisch changierende Formsprache, die über rein dokumentarische Darstellungen hinausgeht, der Gebrauch einer ähnlich intensiven Farbpalette, ein experimenteller Umgang mit Materialien und Raum sowie die starke assoziative Kraft der Kompositionen.
Wir freuen uns sehr in unserem fünften Ausstellungsjahr @ KIM, die Künstlerinnen Jessica Backhaus, Isabelle Borges und Lisa Tiemann ausstellen zu dürfen und neben den Synergien, die das Zusammenspiel ihrer Arbeiten schafft, auch die Einzigartigkeit ihrer einzelnen Oeuvre hervorzuheben.
Die hier gezeigten Arbeiten von Jessica Backhaus sind ausschließlich Teil der Serie „Plein Soleil“ aus den Jahren 2023-2024. Eine konsequente Fortsetzung ihres vorangegangenen Projekts „Cut Outs“ aus den Jahren 2018-2020 zeugen sie von der kontinuierlichen Auseinandersetzung der Künstlerin mit den fotografischen Möglichkeiten der Abstraktion. So arrangiert Backhaus in dieser Serie verschiedenfarbige rechteckige und quadratische Blätter von unterschiedlicher Struktur, Dichte und Grammatur, faltet oder wölbt sie und setzt sie dann dem direkten Sonnenlicht aus. Einem visuellen Experiment gleich, beobachtet Backhaus den Lauf der Dinge, wie das Papier auf die intensive Hitze reagiert, sich verformt, biegt und harte Schatten wirft… bevor sie fotografiert, intuitiv, mit einem Gefühl für den richtigen Moment und vom Zufall geprägt, entsteht so aus denen unter Spannung stehenden Formaturen ein rhythmisches Zusammenspiel aus intensiven Farben und scharfen Schattenwurf, Unschärfe und Struktur, Oberfläche und Form. Während in der Serie „Cut Outs“ noch die Idee eines Bildraums und die Positionierung der Papiere letzte Anhaltspunkte der Wirklichkeit boten, ist Backhaus in der Serie „Plein Soleil“ gänzlich in der Abstraktion angekommen. Mühelos lotet Backhaus hier die fotografischen Möglichkeiten der Abstraktion aus und setzt sich nicht nur mit der Geschichte der avantgardistischen Fotografie auseinander – dem Experimentieren mit lichtempfindlichen Materialien. Sie zeigt vor allem auch ihre Bewunderung für die abstrakte Malerei des 20. Jhdts., ihrem Streben nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten durch das experimentelle Zusammenspiel von Licht, Farbe und Form, wie wir sie aus den Werken zahlreicher Künstler*innen, wie zB Etel Adnan, Helen Frankenthaler, Mark Rothko oder vor allem Yves Klein kennen.
Auch das Werk von Isabelle Borges ist eine Hommage an und eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Strömungen der abstrakten Kunst des 20. Jahrhunderts, sei es die brasilianische Bewegung des Neokonkretismus, die sie während ihres Studiums in Rio de Janeiro maßgeblich prägte, oder die New Yorker Schule der 1950er und 1960er Jahre. Auch sie nutzt ausschließlich abstrakte Formen, um Muster und Strukturen der sichtbaren Welt in visuell komplexe Kompositionen zu übersetzen. Inspiration für ihre abstrakten Bildräume findet Borges nicht selten bei ihren Spaziergängen in der Natur, auf der Suche nach – wie sie es nennt – einer „versteckten Botschaft“, die sich in den vielfältigen Formen der Natur widerspiegelt und die sie fotografisch festhält, um sie als Vorlagen für ihren Bildraum zu nehmen. Betrachtet man ihre Arbeiten genauer, begegnen uns Formen, geometrisch und organisch zugleich in blickdichten kräftigen Farben. Schaut man genauer hin, erkennt man, dass die Farben changieren, mitunter ineinander überlaufen und dadurch ein Gefühl von Räumlichkeit entstehen lassen. Hinzu kommen Linien, mal haarfein, mal eher balkenartig, aus allen Richtungen – als seien sie in ständiger Bewegung, kreuzen sie mitten durch das Bild, bleiben plötzlich stehen, knicken ab oder verändern ihren geraden Lauf. Formen falten sich, Bildräume dehnen sich aus und ziehen sich wieder zusammen und lassen dabei Zwischenräume entstehen. Räumliche Illusion und die Flächigkeit der Formen stehen in Borges‘ Werk in einem ständigen Wechselspiel; ihre Spannung liegt in der Kombination rhythmischer Leichtigkeit und kompositorischer Strenge. Dem Rhythmus‘ einer Melodie oder eines Gedichtes gleich, evozieren ihre Arbeiten ein Gefühl für den Raum „dazwischen“, der seinen Ursprung in gegebenen Strukturen hat und der sich dennoch unserer alltäglichen Wahrnehmung entzieht. Isabelle Borges nennt ihn den Raum hinter dem Raum, einen poetischen Raum, in dem die äußere Realität und die Innenwelt spielerisch und ohne Dogma aufeinandertreffen.
Lisa Tiemanns Skulpturen vermitteln eine ähnliche spielerische Leichtigkeit. Ihre Arbeiten entstehen mitunter aus einer gezeichneten Geste, einer Linie, die wie im Moment entstanden und durch die Künstlerin in den drei-dimensionalen Raum übertragen wird. Sie sind im Raum platziert oder teilweise mit architektonischen Elementen verbunden; sie hängen, liegen, stehen oder lehnen sich an bzw. scheinen – wie bei der Arbeit COUPLE (G) IX – wie in die Stahlkonstruktion hineingefallen. Zu sehen sind hier vor allem Arbeiten aus ihrer Reihe COUPLES (übers. Paare), die Lisa Tiemann seit 2016 fortlaufend entwickelt und die aus zwei Elementen bestehen. Auffallend ist vor allem die Verwendung so kontrastierender Materialien wie Keramik und Papiermaché, oder – wie im Falle der Außenskulpturen – pulverbeschichtetes Stahl und Beton – die sich nicht nur in ihrer Farbigkeit, sondern auch in ihrer Struktur und Oberflächenbeschaffenheit stark unterscheiden. Schaut man auf die Kompositionen, so scheint es fast als hätte sich die immergleiche Grundform – eine dreidimensionale viereckige Linie – wie von selbst in unterschiedliche Figurenpaare gebogen, gestreckt und mitunter auch verkantet. Mal wirkt es, als ob sie sich synchron aneinanderschmiegen, mal eher so, als ob sich die Elemente verhakt hätten und sich aus ihrer Berührung nicht selbstständig lösen könnten. Verbunden und doch gleichzeitig angespannt und getrennt, scheint ihre Balance zu jedem Zeitpunkt ebenso verwundbar und fragil. Auch wenn in ihrer Form gebunden, wirken Tiemanns‘ Skulpturen im einem währenden „Kräftemessen“ eher fluide und dynamisch, als abgeschlossen und konstruiert. Ganz bewusst spielt die Künstlerin hier mit den Gegensätzen von Stärke und Fragilität, von Anziehung und Abstoßung, von Spannung und Gleichgewicht. Einheit beinhaltet auch immer „das Andere“ und muss bei jedem erneuten Blick neu verhandelt werden.
Die Poesie des Moments einfangen, das nicht Sichtbare sichtbar machen, das Flüchtige festhalten und den Zwischenraum aufzeigen mittels Abstraktion, Materialität, Farbe und Raum … hierbei berühren sich die Werke dieser drei Künstlerinnen auf leise und eindrucksvolle Weise.
Jessica Backhaus
1970 in Cuxhaven, Deutschland, geboren, ist Backhaus eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen Fotografie in Deutschland mit internationaler Reputation und Werdegang. Nach ihrem Studium in Fotografie und Visuelle Kommunikation in Paris, lebt und arbeitet sie von 1995-2009 in New York, wo sie eigene Projekte entwickelt. Seit 2009 ist sie in Berlin ansässig. Backhaus‘ Arbeiten wurde in zahlreichen internationalen Ausstellungen gezeigt. Einzelpräsentationen umfassen die unlängst zu Ende gegangene Ausstellung „Shadows might dance“ im Fotografie Forum in Frankfurt (2026), das Centre de la Photographie, Mougins, Frankreich (2024), das Haus am Kleistpark, Berlin (2023) sowie die Kunsthalle Erfurt (2013). In Gruppenausstellungen war sie u.a. in der National Portrait Gallery, London, dem Martin-Gropius-Bau, Berlin, und dem MARTA Herford zu sehen. Backhaus‘ Arbeiten befinden sich in bedeutenden nationalen und internationalen Museums- und Privatsammlungen, darunter das Museum of Fine Arts, Houston, USA, die Margulies Collection, Miami, USA, die Deutsche Bank Art Collection, Frankfurt, die Art Collection Deutsche Börse, Frankfurt, und die ING Art Collection in Belgien. In Deutschland wird sie durch die Robert Morat Galerie in Berlin sowie durch die Galerie Anja Knoess in Köln vertreten.
Isabelle Borges
1966 in Salvador, Brasilien, geboren, zieht Isabelle Borges nach ihrem Studium für Bildende Kunst an der Escola des Artes Visuais do Parque Lage in Rio de Janeiro, Brasilien, Anfang der 90er nach Deutschland, wo sie noch ein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf absolviert. Seit Ende der 1990er Jahr lebt und arbeitet die Künstlerin in Berlin. In Europa und Brasilien hatte die Künstlerin mehrere Einzelausstellungen u.a. im Brasilianischen Museum für Skulptur MUBE, Sao Paolo (2013), im Museum der Republik, Rio de Janeiro (2000), im Rahmen der 14. internationalen Cuntiba Biennale im Museum Oscar Niemeyer, Cuntiba (2019/2020) und im Museo d’Arte Moderna in Salvador (2022). Borges schuf im Mies van der Rohe Haus, Berlin, eine Wandinstallation (2021) und präsentierte Druckgrafik im Kunstverein Meißen (2022). Jüngst zu sehen waren Borges‘ Werke auch in Einzelausstellungen in der Galerie Strelow, Frankfurt, und der Galerie FWR, Berlin, sowie im Rahmen der Kulturhauptstadt Chemnitz (2025). Die Werke der Künstlerin sind in institutionellen und privaten Sammlungen in Südamerika und Europa vertreten.
Lisa Tiemann
1981 in Kassel geboren, studierte Lisa Tiemann von 2002-2008 an der Universität der Künste (UdK) in Berlin Freie Kunst bei Tony Cragg und Florian Slotawa. Ihre skulpturalen Arbeiten sind mehrfach ausgezeichnet, so zuletzt mit dem Paper Art Award im Jahr 2022. Ihre Arbeiten sind Teil der ständigen Sammlung des Haus des Papiers in Berlin. Ihre Werke wurden u.a. in der Kommunalen Galerie, Berlin Pankow, im Haus am Lützowplatz, Berlin, im Gewerbemuseum in Winterthur und der Halberstadt Biennale ausgestellt. Außenskulpturen wurden im Skulpturenpark Schlosspark Stammheim in Köln und im Skulpturenpark Eisenberg (AT) gezeigt. Auch waren ihre Arbeiten im Rahmen des ruru Haus-Programms auf der documenta 12 (2022) zu sehen. Im letzten Jahr war Lisa Tiemann während der Art Week mit einer raumgreifenden Installation in den Wilhelmhallen in Berlin präsent. Vertreten wird sie durch die Galerie Schwarz Contemporary in Berlin, die ihr zwei Einzelausstellungen in den Jahren 2024 und 2021 widmete. Ferner kooperiert Lisa Tiemann mit mehreren nationalen und internationalen Galerien. Ab dem 23. April 2026 sind ihre Arbeiten in der AV17 Gallery in Vilnius, Litauen, in einer Einzelausstellung zu sehen.
KIM Uckermark
Kreuzkruger Str. 27b
17268 Templin-Herzfelde
Ausstellung vom 24. Mai bis 03. Oktober 2026
Eröffnung am 24. Mai 2026 von 14:00 bis 18:00 Uhr
15:30 Uhr Artist Talk mit der Kunsthistorikerin Julia Rosenbaum
Weitere Informationen zur Ausstellung: Ausstellungen – KIM Uckermark
