Artist Talk: Uwe Hansmann – Sinne schärfen für die Schönheit der Natur

Ich grüße dich, lieber Uwe. Wie schön, dass du dich bereit erklärt hast die ganzen Fragen zu beantworten. Wir beide haben ja zusammen 2023 in Achim ausgestellt und immer noch denke ich gerne an das Zusammenspiel deiner Skulpturen und meiner Gemälde zurück.

Manuela: Wie kamst Du zu deiner eigenen Kunst? Gab es ein besonderes Ereignis, das den Ausschlag dafür gegeben hat, um die künstlerische Laufbahn einzuschlagen?

Uwe: Kunst war schon immer eins meiner favorisierten Schulfächer, hätte ich Abitur gemacht, wäre es ein Leistungsfach gewesen. Dann habe ich aber den Beruf des Zahntechnikers gewählt und konnte später feststellen, dass dieser Beruf sehr viele Parallelen zur Bildhauerei hat. Sei es der Umgang und das zwangsläufige Einstellenmüssen auf verschiedene Materialien, das Lernen der Anatomie, der Gießvorgang, das Modellieren und nicht zuletzt das dreidimensionale Vorstellungsvermögen.

Durch meine intensive musikalische Tätigkeit hatte ich außer mit der Fotografie lange nichts mit Kunst zu tun. Das war eher ein Zufallstreffer, als ich 1995 auf meinem Balkon mit irgendwelchen Billigmeisseln aus Ytong einen Blumensockel hauen wollte. Es entstand ein halber Kopf und die Liebe für die Bildhauerei auf den ersten Blick. Da ich gerade mit meiner externen Meisterausbildung angefangen hatte, konnte ich nur wenig bildhauerisch machen. Aber ich habe mir zum bestandenen Meistertitel 1999 einen ersten Steinbildhauerkursus bei Rosa Jaisli geschenkt, dem folgten noch viele andere Kurse mit verschiedenen Materialien, wie Holz, Ton, Porzellan, Mosaik, Objekte, Holzschnitt und immer wieder Stein bei den unterschiedlichsten Künstler/innen.

Manuela: Hast Du künstlerische Vorbilder? Wenn ja, wen/welche?

Uwe: Den Jugendstil im Allgemeinen, David Nash, Andy Goldsworthy, Brancusi, Malgorzata Chodakowska und Ernst Haeckel im Besonderen.

Manuela: Wieviel Zeit widmest Du der Kunst in Deinem Leben?

Uwe: Seitdem ich ab 2004 ein eigenes Atelier habe, versuche ich neben meiner Vollzeitberufstätigkeit in der Woche 10 Stunden bildhauerisch tätig zu sein. Da bin ich auch sehr stringent. Ich neige auch nicht so zum Pausemachen. Darüber hinaus habe ich mich ab 2005 immer mehr mit der eigenen Vermarktung, Ausstellungen etc. befasst. Das braucht auch seine Zeit. Zu Anfang war ich auch noch viel mit Ideensammeln beschäftigt, da liegt mittlerweile so viel auf Halde, dass ich nicht mehr hinterherkomme. Ich habe gerade jetzt, nachdem ich 2010 eine Skizze angelegt habe, 14 Jahre später, damit angefangen, diese Idee in die Tat umzusetzen. Außerdem bin ich ein Materialsucher. Überall, ob in der Stadt oder in der Natur, ob Müll oder schönes Naturmaterial, finde ich Dinge, die mich animieren oder einen Reiz haben. Da bin ich sehr intuitiv.

Entstehen Deine Werke spontan oder wie gehst Du an Deine Werke heran?

Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal verfolge ich eine Idee, die ich gerade habe oder schon vor längerer Zeit hatte. Dann habe ich eine sehr klare Herangehensweise und das oder die Materialien fügen sich der Idee. Oder ich sehe ein Material, dass mich inspiriert, wo dann eine diffuse Idee entsteht, eher so eine Ahnung und wo ich mich dann in das Material reinarbeite, mich von den Materialbedingungen leiten, manchmal zwingen lasse, wenn es nicht anders geht, immer wieder an eine Kreuzung gelange, wo ich mich für den einen oder anderen Weg entscheiden muss. Da lasse ich mich dann vom Gefühl leiten.

Bei der Suche nach den Formen und ihrem Charakter lasse ich mich von der Vielfalt und Schönheit der  Natur leiten. Wir können nicht perfekter sein als die Natur, wir müssen nur fähig sein ihre Ästhetik zu entdecken. Im Grunde hat die Natur schon alle Formen entworfen, mehr als wir uns vorstellen können. Wir müssen nur lernen zu sehen.

Windboe

Manuela: Hast Du ein Anliegen das Du mit Deiner Kunst verfolgst?

Uwe: Durch meine plastischen Arbeiten möchte ich den Anstoß geben die Sinne zu schärfen, um die Welt aus einem erweiterten Blickwinkel wahrnehmen zu können. Das kleine vermeintliche Unscheinbare zu sehen und zu erkennen. Da unsere Zivilisation bestrebt ist sich von der Natur, ihrem ständigen und immerwährenden Werden und Vergehen (dem Tod inbegriffen) loszusagen, ist es mir ein Anliegen mit meinen Arbeiten dieser Tendenz zu Sterilität, Technik und Abstraktion entgegen zu wirken. 

Gerade bei den Naturmaterialien möchte ich von ihrem rohen Zustand aus mit fragilen, zarten, ruhenden, weichen, organischen Formen ihren inneren Wert sichtbar machen und hervorheben.   Ganz anders bei meinen Objekten! Dort verfolge ich oft politisch / gesellschaftspolitische Themen mit einer klaren Aussage. Manchmal auch ironisch.

Manuela: Was inspiriert dich, bzw. wie bilden sich deine Ideen für Werke aus?

Uwe: Alles kann inspirieren. Manchmal gab es Themenvorgaben von außen, die ich erst total doof fand, weil mir nichts dazu einfiel. Aber irgendwann, wenn ich mich darauf eingelassen habe, kamen wirklich interessante Ergebnisse dabei heraus. Meine Ideen entstehen durch Verwirbelungen im Kopf, wenn ich anfange in Kunst zu denken. Und daraus kristallisieren sich dann nach und nach mehr oder wenige konkrete Bilder heraus.

Ich muss mich manchmal schon stoppen, um nicht verrückt zu werden. Oder ich sehe ein Material, ein Ding…..und irgendwas dabei macht mich „an“. Manchmal sehe ich auch sofort etwas darin, wenn auch nur diffus. Ab und zu ist es aber auch ganz klar.

Manuela: Wie sieh deine Arbeitsmethode aus? Welches sind deine bevorzugten Materialien?

Uwe: Idee her, Material suchen, Werkzeuge bereitlegen, loslegen, ab und zu innehalten, begutachten, weitermachen, bis zur Fertigstellung.

Abschied

Holz wegen seiner Lebendigkeit. Stein wegen seiner Schönheit und Stabilität. Andere Materialien in Kombination.

Stolzer Schwan

                                                                                                                       

Manuela: Was war die schönste Reaktion auf Deine Kunst, die Du bekommen hast?

„Wir waren in Ihrer Ausstellung, erst bin ich reingegangen, dann mein Mann. Später haben wir uns auf dem Fahrrad darüber unterhalten und festgestellt, dass uns beide dieselbe Skulptur begeistert hat. Da haben wir beschlossen sie zu kaufen!“

Manuela: Gibt es ein Kunstwerk in deinem Leben, das dich besonders beeindruckt hat?

Uwe: 2013 war eine Ausstellung von Malgorzata Chodakowska in und am Schloss Pillnitz, in die wir auf einer Fahrradtour zufällig reingeraten sind. Ihre Holzfiguren, meist Frauen darstellend in Lebensgröße, waren von einer Lebendigkeit und Ästhetik, die unheimlich faszinierend waren. Auch ihre in Bronze umgesetzten Figuren, gepaart mit Wasser, bestachen durch ihre Schönheit.

Manuela: Was tust du, wenn du Inspiration für deine Werke brauchst und gerade nicht weiterkommst?

Uwe: Kurz aufhören, aus anderen Perspektiven schauen, in meinem großen Fundus von Arbeiten anderer Bildhauer/innen, Zeichner/innen oder Fotograf/innen stöbern, um Lösungen oder neue Inspirationen zu bekommen. Weiterarbeiten. Ich habe nicht viel Zeit. Aber ich bin es von Berufs wegen gewohnt unter Druck zu arbeiten.

Mäander

Manuela: Du hast u.a. auch Treibholzobjekte mit Holz von Hiddensee gemacht. Erzähle doch ein wenig darüber.

Uwe: An Himmelfahrt 1993 habe ich zum ersten Mal Hiddensee betreten. Ich hatte mit meinem Vater eine Kajaktour von Rügen aus gemacht und wir sind dann auf der Boddenseite von Vitt gelandet. Ich bin ausgestiegen und habe mich kurz umgesehen. Mir passiert das manchmal an Orten, die ich spontan betrete, dass ich nicht wieder weg möchte. Im Oktober war ich für einen Tag dann nochmal dort und habe alles abgefahren. Hiddensee ist seitdem ein Sehnsuchtsort, an dem ich alle 1 -2 Jahre Urlaub mache. Zu jeder Jahreszeit! Wenn man am Strand ist, sammelt man. Irgendwann habe ich gezielt angefangen Treibhölzer oder andere Dinge für Skulpturen zu sammeln. Die Fundstücke müssen mich aber anmachen, alles nehme ich nicht mit. Ich habe mich auch schon mal kilometerweit mit einer alten Ladeluke abgeschleppt. Interessanterweise sehen andere Menschen plötzlich die Ästhetik meiner Fundstücke, sobald ich sie aus ihrem natürlichen Kontext gerissen habe. Ich versuche diese Stücke nur bis zu einem gewissen Grad zu verändern bzw. zu bearbeiten, da ich die ihnen innewohnende Ästhetik nur verstärken und sichtbar machen möchte. Denn im Grunde genommen ist schon alles da. Man muss nur sehen können! Ich habe mir zur Aufgabe gemacht, nur Treibhölzer von Hiddensee zu verarbeiten. Einzige Ausnahme ist Porzellan, welches ich auch schon mit verarbeitet habe, da früher Kaolin auf Hiddensee abgebaut wurde.

In memoree of Hiddensee XVI

Manuela: Eine Frage, die Dich gerade bewegt

Uwe: Für die Ausstellung „Wenn alles gesagt ist…!“ mache ich gerade eine neue Arbeit. Dafür personifiziere ich die Gliederholzfiguren, die im Kunstbedarf gerne benutzt werden. Eltern und 2 Kinder. Ich werde selbst bei einer Ausstellung eine Szene stellen, bei der, nachdem alle Worte gesagt sind, es zu Handlungen bzw. Aktivitäten kommt. Mein Gedanke ist, dass die Besucher ebenfalls eigene Situationen mit den Figuren kreieren, dies aber fotografisch festhalten sollen. Wie macht man das? Mit einer Polaroid? Die dann aber vielleicht weg ist? Mit Handys, deren Bilder mir dann per Email zugeschickt werden, die ich dann ausdrucke? Polaroidfotos könnten die Besucher dann gleich selber anpinnen.

Manuela: Was hat dich zuletzt inspiriert?

Uwe: Schwer zu sagen, ich sehe ständig irgendetwas, was ich interessant finde. Seien es andere Künstlerarbeiten, die Natur, Materialien, gesellschaftspolitische Themen, die ich ausdrücken möchte. Mein Enkel hat mich kürzlich gefragt, warum ich alte Sachen sammele. Er ist 3 ½. Ich wusste erst nicht was er meint. Später erfuhr ich, dass er im Kindergarten erzählt hat, dass sein Opa Sachen auf der Straße sammelt.  Das stimmt. Ich bin nicht nur ein Materialsucher, sondern auch ein Sachensucher.

Manuela: Was ist Kunst für dich? In 3 Worten!

Uwe: Spüren – Phantasieren – Formen

Manuela: Woran arbeitest du im Augenblick?

Uwe: An der Idee von 2010. „The four sea-sons“. 4 Bronzefiguren, alles Schiffer bei unterschiedlichen Tätigkeiten, auf 4 alten senkrecht gestellten Dachbalken, in die ich je einen Teil eines Kutters reinarbeite, das Ganze auf Schiefer als Grundplatte. Und an der „Wenn alles gesagt ist..!“ – Arbeit. Und noch an einer anderen für diese Ausstellung. Und einer 2. Version von „Wasser is`aus!“ Mein Ziel sind grundsätzlich 12 Arbeiten im Jahr.

Manuela: Von welchem Projekt träumst du?

Uwe: Dass ich irgendwann alle meine gesammelten Materialien verarbeitet habe. Da dürften noch so zirka 150 Arbeiten bei rauskommen. Und dann würde ich gerne Holzschnitt bzw. Linoldruck machen. Da muss man nicht so schwer tragen, man muss ja auch ans Alter denken!

Manuela: Wo kann man dich in diesem Jahr finden (auf welchen Ausstellungen/ Messen/ Kunsttagen….)

Uwe:

Es ist noch nicht alles spruchreif. Im April 2024  eine Gruppenausstellung von Art-Projekt in Bassum, auf jeden Fall eine „Wenn alles gesagt ist…!“ – Ausstellung in Dorum im November. Pfingstsonntag bei Pago und Ursula Balke auf deren Hof.


Infos zu den Ausstellungen:

20.4. – 4.6. Intermezzo | Ausstellung von Art Projekt in der Galerie N bei Karin Bliefernich

November 2024: „Wenn alles gesagt ist…!“ Künstlergruppe Panopticum –>panopticon – Künstlergruppe (panopticon-bremen.de)

Infos zum Künstler: Willkommen bei Uwe Hansmann (hansmann-sculpture.de)


Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung des Künstlers veröffentlicht.

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