Artist Talk: Diana Jahr – Tanz mit Wortgebilden

Herzlich willkommen, liebe Diana. Danke, dass du als erste Autorin an meinem Projekt „Artist Talk“ teilnimmst und meine Fragen so geduldig beantwortet hast.

Manuela: Wie kamst Du zum Schreiben? Gab es ein besonderes Ereignis, das den Ausschlag dafür gegeben hat, um diese künstlerische Laufbahn einzuschlagen? Hast du Germanistik studiert oder wie kam es dazu?

Diana: Wenn ich so darüber nachdenke, dann habe ich eigentlich geschrieben, seitdem ich schreiben kann ;). Immer Tagebuch, aber auch vereinzelt kleine Gedichte, schon als Kind, eher aber noch in der Jugend. So richtig begonnen damit in einem Internet-Forum an die Öffentlichkeit zu gehen, habe ich allerdings erst im Jahr 2008. Warum, kann ich gar nicht genau sagen. Da kam dann etwas ins Rollen, eine erste Veröffentlichung in einer Anthologie mit Geschichten und Gedichten für Kinder, weitere folgten, und in 2012 habe ich meinen Blog „eröffnet“. Seitdem schreibe ich kontinuierlich, blogge und veröffentliche. Germanistik habe ich übrigens nicht studiert, allerdings Deutsch (neben Mathematik und Musik) im Rahmen meines Grundschullehramt-Studiums.

Manuela: Wie ist denn diese Leidenschaft an der Sprache geweckt worden?

Diana: Gute Frage. Vermutlich spielten mehrere Faktoren mit hinein, zum einen wurde mir als Kind viel vorgelesen, später habe ich dann selbst gern gelesen, war eine richtige Leseratte, eine Freundin brachte dann den Rest Literatur- und Sprachbegeisterung zu mir.

Diana Jahr | 2023| in Schweden

Manuela: In deinem Blog beschreibst du dich selbst und dein Tun mit folgenden Worten: „ich atme worte – liebe das spiel mit ihnen, jongliere, schmecke & rieche sie.“, würdest du das heute immer noch genau so sagen? Beschreibe doch einmal ein bisschen wie das Schreiben eines Gedichts bei dir aussieht.

Diana: Ja, das gilt nach wie vor. Ein Gedicht beginnt bei mir im Kopf, vielleicht ist es ein Bild, das ich vor Augen habe, oder eine Zeile, ein Wort, das ist ganz unterschiedlich. Dann drehe und wende ich Wörter und es entsteht meist ganz schnell ein Wortgebilde.

Manuela: Wie kann ich mir als Laie den Auswahlprozess vorstellen, welches Gedicht es in einen Band von dir schafft?

Diana: Bisher hatte ich immer ein Thema oder ein Motto, da habe ich die Texte natürlich danach ausgewählt, und nach Bauchgefühl bzw. welche mir am meisten zusagten oder von denen ich am ehesten meinte, dass sie auch anderen etwas sagen und geben könnten.

lassen wir gedichte frei

wenn wir durchs dickicht
kriechen uns vorwärts
bewegen bis ins licht
geschehen wunder

bare geschichten einer buche
sagst du und gehst weiter
ich halte schritt
und wir reden uns
gedichte ein und aus
unserer verflochtenen sprache
gehen wir heraus
als wären wir figuren
in einem film einer novelle
spielen wir abenteuer

und zum mond sprechen wir
in schwingenden sätzen

Diana Jahr

Manuela: 2022 wurde im Schillo Verlag dein Gedichtband „ein volvo voller orangen“ veröffentlicht und 2023 hast du den Sternenblick Lyrikpreis mit deinem Gedicht „Zwischennotiz“ gewonnen.  Wie fühlst du dich mit beidem? Was hat sich dadurch verändert oder getan?

Diana: Verändert hat sich glaube ich nicht viel, allerdings ist es schon so, dass mich solche schönen Ereignisse natürlich sehr freuen, mich bestärken und meine Idee vom Schreiben unterstützen, untermauern, und mich ermutigen, geradezu beflügeln weiter zu machen! Ach ja, und durch den Lyrikpreis bin ich zu der Ehre gekommen, nun für den diesjährigen Preis Teil der Jury zu sein.

Manuela: Was bedeutet für dich Sprache im Alltag, im künstlerischen Schaffen?

Diana: Sprache ist aus meiner Sicht essenziell, wie würden wir uns sonst verständigen, und deren Gebrauch ist ungeheuer subtil und wichtig. Wer hat noch nicht erfahren, wie verletzend Worte sein können oder andersherum, wie gut sie tun können, wie glücklich sie machen können? In der Sprache spiegelt sich unser gesamtes Leben, der Umgang mit anderen Menschen, den Umständen und Dingen. In meinem künstlerischen Schaffen greife ich das auf, und versuche Muster aufzubrechen, versuche, weiter zu gehen, die Sicht auf die Dinge, auf die Welt, auf sich selbst, zu weiten, tiefer zu dringen, wobei ich auf keinen Fall belehren, sondern möglichst die Sprache selbst wirken lassen möchte.

[von nachhall und]

gewohnte worte
gehen aus dem haus
in die stadt aufs land
sie finden
zuspruch in dir
sprießen melodien
auf ungewohnte weise
stolpert mein herz
woher kommen verse
wenn ich dich denke
erzählen vergangene töne 
von nachhall und einer art
liebe

Diana Jahr

Manuela: Wann hast du dein erstes Gedicht geschrieben?

Diana: Als Kind, vielleicht so mit zehn Jahren?

Manuela: Wie würdest du deine Entwicklung beschreiben?

Diana: Das kann ich selbst so gar nicht sagen, das müsste wohl jemand von außen beurteilen, der meinen Schaffensweg kennt. 🙂

Manuela: Welches Buch liegt auf deinem Nachttisch?

Diana: Gerade „Der Klang der Zeit“ von Richard Powers. Und Gedichte von Lars Gustaffson.

Manuela: Was ist dein Lieblingsbuch?

Diana: Oha, diese Frage, die ich nie beantworten kann, weil es variiert, weil ich so vieles (nicht) gelesen habe, weil Bücher zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich wirken. Ich lese zum Beispiel gern  Håkan Nesser, Henning Mankell, Zsuzsa Bánk, Mariana Leky, Jostein Gaarder. Um eine kleine Auswahl zu nennen.

schattengewächs

klangfarben einer nacht
nicht grau nicht
weiß ein rauschen
von belang
ist berührung
am tag gehen wir über
sandburgen und flaum
hell war die nacht
ihr gesang dunkel
im zwieton
wohnt unser wort

Diana Jahr

Manuela: Was denkst du welches Buch sollte jeder lesen oder gelesen haben?

Diana: Keins? – bzw. für jeden wird das wohl ein anderes sein?!

Manuela: Es wird immer öfter davon geredet, dass die deutsche  Sprache verarmt und nicht mehr gepflegt wird in dem Sinne, dass die Sprachkunst in der Gesellschaft den ihr gebührenden Stellenwert verloren hat. Empfindest du das ebenso und was denkst du könnte verändert werden?

Diana: Ei, das ist ein weites Feld. Ja, ich denke schon, dass vor allem durch die sogenannten Sozialen Medien die Sprache leidet. Es fängt aber schon im Kindesalter an, vielen wird von zu Hause aus das Sprechen, der Umgang mit Sprache nicht mehr nahegebracht. Dann das kränkelnde Schulsystem, das aus meiner Sicht gründlich reformiert werden müsste. Ich fürchte, da liegt vieles im Argen, was sich natürlich auch in der Sprache niederschlägt. Ich glaube, das Lesen von Büchern könnte helfen, Kindern und Erwachsenen die Freude am Lesen zu vermitteln, das könnte einer von vielen Wegen sein, allerdings müsste man dafür den Menschen, Kindern!, geeignete Bücher nahebringen.

Manuela: Kann Sprache eine Heimat sein?

Diana: Auf jeden Fall!

Manuela: Hast Du künstlerische Vorbilder? Wenn ja, wen?

Diana: Nein, nicht direkt und nicht konkret. Ich lese aber gern Gedichte von „großen“ DichterInnen, z.B. Friederike Mayröcker, Hilde Domin, Eva Strittmatter, Else Lasker-Schüler, Ingeborg Bachmann, um auch hier nur einige zu nennen.

Manuela: Wieviel Zeit widmest Du dem Schreiben in Deinem Leben?

Diana: Viel. 😉

Manuela: Entstehen Deine Gedichte spontan oder brauchen sie viel Zeit bis es für dich stimmig ist?

Diana: Das ist unterschiedlich, meist aber entstehen sie inzwischen relativ schnell.

Manuela: Hast Du ein Anliegen das Du mit deinen Gedichten verfolgst?

Diana: Nein, nicht explizit. Höchstens das, was ich weiter oben schon sagte, dass ich durch Sprache etwas transportieren möchte, Bedeutungen aufbrechen, etwas bewegen im Lesenden.

Manuela: Was inspiriert dich, bzw. wie bilden sich deine Ideen für deine Gedichte aus?

Diana: Mich inspiriert ganz besonders die Natur sowie Musik. Oder aber auch Gelesenes. Andere Gedichte. Oder auch Kunst/ Bilder/ Fotos. Wenn ich die Augen offenhalte, gibt es ganz viele Impulse, aus denen sich etwas entwickeln lässt.

hüpft musik von tropfendem wasser

im rhythmus eines tauenden tages
habe ich vergessen
deine worte aus meer
und wald eine andere
geschichte nimmt gestalt an
dir habe ich mich entgrenzt
eine zerlaufende melodie
in deiner hand
leise gesten
einer fröstelnden welt

Diana Jahr

Manuela: Wie sieht deine Arbeitsmethode aus? Sitzt du verträumt im Garten oder hast du einen bestimmten Platz an dem dir die Ideen kommen?

Diana: Ja, schmunzel, das „im-Garten-Sitzen“ kann durchaus vorkommen, an sich aber ist der Ort nebensächlich.

Manuela: Was tust du, wenn du Inspiration für deine Gedichte benötigst?

Diana: Ich gehe in die Natur, oder ich lese.

[spüren und wissen]

von heiden oder wiesen
wissen wir nicht viel
leicht sind meine hände
wenn ich sie öffne
und den wind herein lasse
spüre ich dir nach
beinahe wortlos
trage ich mein gesicht
und manchmal ein lächeln

Diana Jahr

Manuela: Eine Frage, die Dich gerade bewegt

Diana: Wie können wir Kriege verhindern?

Manuela: Was ist Kunst für dich? In 3 Worten!

Diana: Vier mal in drei Worten:

Für jeden anders.

oder

Kunst ist Werk.

Oder

Ein großes Wort.

Oder, um Paul Klee zu zitieren:

„Kunst macht sichtbar.“

All das! Und vieles mehr.

Manuela: Woran arbeitest du im Augenblick?

Diana: An einem neuen Manuskript.

Manuela: Von welchem Projekt träumst du?

Diana: Einen Roman oder ein längeres prosaisches Werk zu schreiben bzw. fertigzustellen.


Weitere Informationen zu Diana Jahr findet man hier in ihrem Blog: verssprünge | lyrik & kurzprosa (wordpress.com)

Ihre Bücher: Diana Jahr – Schillo Verlag (schillo-verlag.de)

5 Comments

    1. Ich habe mich sehr gefreut, dass Diana daran teilgenommen hat. Ich finde es immer faszinierend, wie andere Künstler:innen arbeiten, leben, was sie antreibt usw. zu erfahren. Und ich finde ihre Arbeiten auch immer und immer wieder interessant. Sie laden zum Nachdenken, Schwelgen oder Geniessen ein.

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