Manuela: Willkommen lieber Jürgen, ich freue mich, dass du an dem Artist Talk teilnimmst und mir und den Leser:innen einige Fragen zu deiner Kunst beantwortest. Ich hatte die Ehre in Kassel 2025 deine Ausstellung im Museum für Moderne Kunst zu sehen – und das hat mich neugierig werden lassen. Leider findet man von dir und zu dir nicht viele Informationen, sodass dieser Artist Talk vielleicht ein guter Anlass ist mehr von dir als Künstler zu offenbaren.
Jürgen: Hallo liebe Manuela. Vielen Dank für dein Interesse an meiner Kunst und dass du darüber schreiben möchtest! In erster Linie wird es vermutlich um meine zurückliegende Ausstellung WIE DIE MÖWE FLIEGT Oktober / November 2025 im Museum Modern Art in Hünfeld gehen. Ich freue mich sehr, dass du sie besucht hast!
WIE DIE MÖWE FLIEGT: Die Geschichte einer Ausstellung…

Manuela: Stelle dich doch bitte kurz vor, wo lebst und arbeitest du, seit wann machst du Kunst?
Jürgen: „Wo anders könnte man heute noch neue Kontinente entdecken, als in der Kunst…“
Ich bin Jürgen Hohmann, lebe in einer hessischen Kleinstadt mit Museum. Dort befindet sich auch mein Atelier.
Seit wann ich Kunst mache? Nun, wenn diese Frage kommt antworte ich immer: „Ich habe nie damit aufgehört.“ Ja ich denke das innere Kind trägt lebenslang ganz entschieden zur eigenen Kunstentwicklung bei. Anfang der 2000er Jahre absolvierte ich ein Kunststudium am Institut für bildende Kunst / IBKK in Bochum, Mitglied im Fuldaer Kunstverein sowie im Bund internationaler Künstler.
Manuela: Wie kamst du überhaupt zur Kunst und wie kam es dazu, dass du ein Kunststudium bei der IBKK absolviert hast?
Jürgen: Ich bin sogar überzeugt, dass in jedem von uns ein individuelles Kunstverständnis schlummert welches all unsere Lebensentscheidungen beeinflusst. Doch da war mehr. Ich schaute mich natürlich beizeiten nach einem geeigneten Weg um, mein kreatives Potential schulisch zu fördern. Der Grund warum meine Wahl dann auf das IBKK fiel, war unter anderem weil diese Schule genau meinen Vorstellungen entsprach. Hier wurde durch anerkannte Künstler wie auch Professoren sehr nah an der Praxis gelehrt. Grafik Design, Technische Illustration, Malerei, Bildhauerei, Öffentlichkeitsarbeit und Kunstrecht neben regem Austausch und Vermittlung mit der realen Kunstwelt draußen
Manuela: Mit deinem Namen verbunden sind diese 3 Begriffe: Maler, Illustrator, Geschichtenerzähler. Kannst du ein wenig mehr darüber sagen? Du flanierst mit deiner Kunst zwischen Hyperrealismus, beinahe abstrakte Landschaften, Ölmalerei, Fotorealismus, Illustration, Texten, Aquarell, Portraits, Comic/ Cartoons, Installation, also zwischen den Arbeitsstilen & -techniken ebenso wie durch die Genres. Möchtest du dich nicht festlegen?
Jürgen: Das Motto meiner letzten großen Ausstellung WIE DIE MÖWE FLIEGT lautete: „An guten Bildern hängen auch immer gute Geschichten.“ Es geht um Geschichten die uns umgeben und durchfließen.
Als Künstler holt man Phantasie in die Wirklichkeit hinüber, transformiert Gedachtes in (be)greifbare Kunst. Meine Palette muss also möglichst breit gefächert sein um all den Themen gerecht zu werden. Von Airbrush bis Ziehfeder – genutzt wird einfach alles was mir in die Finger kommt (manchmal auch die Finger selbst) es gibt nichts was nicht erlaubt wäre! Obwohl ich mir durchaus bewusst bin, dass diese Einstellung auf Kosten meines Wiedererkennungswertes geht- eine Beschränkung auf nur eine Technik / Stil würde mich beim erzählen dieser Geschichten bloß unnötig einschränken.
Es ist gut, wenn man dem Betrachter Raum für eigene Interpretation lassen kann, er soll Freude am Erkunden und Entdecken haben. Manchmal ist es hingegen wichtig für eine Bildaussage dass die Botschaft sehr präzise und ohne diesen Spielraum erklärt wird. Wenn ich frei arbeiten kann, mische ich gerne die Maltechniken, experimentiere.
SPÄTUNERWARTETES NACHLEUCHTEN ist so ein Mix aus Acrylmalerei und Airbrush Technik.

In der Vergangenheit habe ich auch zahlreiche humoristische Upcycling Objekte geschaffen. Ja und immer mehr Raum nimmt in meinem Wirken Geschriebenes ein. Gedichte, Anekdoten, Geschichten eben…
Ich schreibe schon, solange ich denken kann. Das Jonglieren mit Worten finde ich sehr spannend. Schrift ist ein ideales Medium um mein bildnerisches Werk zu ergänzen.
Manuela: Wie kamst Du zur Kunst (zu deiner eigenen Kunst)? Gab es ein besonderes Ereignis, das den Ausschlag dafür gegeben hat, um die künstlerische Laufbahn einzuschlagen? Was hat dich bewogen gerade den Bereich des Illustrierens und der Malerei zu erkunden?
Jürgen: Bewusstes beobachten und darüber denken ist mir anscheinend in die Wiege gelegt worden… Ich war immer dieser stille Typ, der lieber gezeichnet hat als seine Zeit auf dem Fußballplatz zu verbringen. Klar entwickelt man seine eigene Handschrift, seinen Stil irgendwann wenn man über so lange Zeit motiviert und fleißig genug an eine Sache herangeht. (Denn auch wenn man sich in mehreren Genres bewegt, gibt es ihn- diesen einen eigenen Stil.)

Manuela: Vor einigen Monaten hast du deine erste große Ausstellung im Museum für Moderne Kunst in Hünfeld einem breiteren Publikum gezeigt. Mir fiel beim Besuch der Ausstellung auf, dass jeder Raum so wirkte, als seien deine Werke auf den jeweiligen Raum zugeschnitten gewesen. Was hast du dir selbst bei der Gestaltung dieser Ausstellung gedacht zumal man viele unterschiedliche Stilrichtungen feststellen konnte?
Jürgen: Genau genommen war es bereits meine dritte Einzelausstellung… Tatsächlich habe ich eine Unzahl an Museen und Galerien, auch Ausstellungen vieler Kollegen besucht und selbst an mittlerweile knapp siebzig Gemeinschaftsausstellungen mitgewirkt, man bekommt automatisch ein Gespür für das Präsentieren von Kunstwerken.
Auch war mir das Museum vertraut, ich kannte die Räume gut und ich hatte ausreichend Zeit für die Vorbereitungen. Die Auswahl der meisten Exponate stand also bereits fest bevor es überhaupt losging, die Schau war schließlich als Retrospektive gedacht. Einige Werke mussten jedoch extra angefertigt werden. So entstand in den Sommermonaten ein 16qm großes Leinwandbild, welches wegen seiner enormen Größe im Garten gemalt werden musste.
WIE DIE MÖWE FLIEGT sollte anders werden. Sollte aus dem bunten Leben erzählen. Verspielt, überraschend, leicht aber auch kraftvoll, und etwas traurig. Ich wollte die Menschen berühren. Und sie waren eingeladen selbst mitzumachen, sollten Teil davon werden. Einer von zwei ehemaligen Gasometern auf dem Museumsgelände beherbergte das interaktive Projekt mit dem schlichten Titel MENSCHEN.
Hier durften sich die Besucher selbst kreativ einbringen indem sie den zwölf übergroß und realistisch gemalten ´´Alltagsgesichtern´´ ihre eigenverfassten Kommentare, Texte, Zeichnungen oder was auch immer anhängen konnten. Da kam so einiges menschliches zusammen. (Donnerwetter). Obwohl ich anfangs skeptisch war, hatten dann schließlich doch alle Spaß beim mitgestalten. Dieses Experiment war ein voller Erfolg und ich möchte das Projekt später andernorts weiterführen.


Bild links: TOVES HÄNDE, Freihandzeichnung / Pastellkreide, 50 x 70 cm, Jürgen Hohmann
Bild rechts: DIE FRAU MIT DEM STEIN AUF DEM KOPF, Illustration / Airbrush und Acryl, 70 x 100 cm
Manuela: Deine Kunst machte auf mich den Eindruck teils eines gewissen Humors, der jeweils hinter bestimmten Arbeiten hervorblitzte, wie „ernst“ ist deine Kunst und dein Anliegen dahinter?
Jürgen: Humor ist mir ausgesprochen wichtig. Die Dinge des täglichen Lebens werden uns von den Medien sowieso schon stocknüchtern genug um die Ohren gehauen. Ja es scheint mir fast so, als wollte man uns Angst machen. Da tut es gut wenn mal ein Künstler kommt und sofern möglich, mit zwinkerndem Auge, den sich immer enger zusammenziehenden Horizont wieder etwas weitet. (Das ist auch Aufgabe der Kunst – Unkonventionelles denken, neue Wege aufzeigen. Impulse setzen, Mut machen…)
Denn das war die MÖWE. Ich wollte die Leute auf liebevolle Weise zum Nachdenken verführen, sie für einen Moment zu Ruhe und Besonnenheit finden lassen.

Ich nehme die Sache aber durchaus sehr ernst. Der andere – der dunkle Gasometer, war gefüllt mit sehr besonnenen, teils melancholisch stimmenden Werken, das Leben auch in seinen tiefgründigen ernsthaften Facetten zeigend. Auffallende Stille prägte diesen Raum.
Dem fotorealistisch gemalten Bild mit dem kantigen Titel: FLIEG IKARUS, FLIEG MIT MIR! zum Beispiel war eine Erläuterung angefügt, in welchem klar wurde dass der Junge im Grunde gar keine Wahl hatte. Er musste einfach für den vorgegebenen Ausgang seiner Geschichte scheitern…

Solche Texte gab es auch für viele der anderen Illustrationen. Die beigefügten Erläuterungen halfen übrigens sehr, meine Bildintentionen verständlich zu machen.
Manuela: Warum hast du keine Website, auf der man mehr von deiner Kunst und über dich erfahren kann? Möchtest du ein wenig mysteriös und geheimnisvoll bleiben?
Jürgen: Der Grund warum ich noch keine Website habe? Ich gebe zu, ich habe das sträflich vernachlässigt. Es wird sich sicher bald ändern. Trotzdem wurde in der Vergangenheit einiges an Mühe und Zeit investiert um immerhin auf Social Media präsent zu sein.
Leute für die meine Kunst wichtig ist, werden zu gegebener Zeit auch über sie stolpern. So ist das mit dieser Geschichte eben…
Manuela: Hast Du künstlerische Vorbilder? Wenn ja, wen/welche? Gibt es ein Kunstwerk in deinem Leben, das dich besonders beeindruckt hat?
Jürgen: Ich kenne sehr viele wirklich gute Werke und deren Schöpfer. Wen sollte ich nennen? So viele großartige Künstler in allen Epochen – Es gehört wirklich einiges dazu, angesichts solcher Brillanz nicht zu resignieren und selbst frech weiter zu machen…
Ich liebe es, überrascht zu werden. in einem Museum auf ein unerwartetes grandioses Stück zu stoßen, welches einem dann schlichtweg die Sprache verschlägt.

Manuela: Wieviel Zeit widmest Du der Kunst in Deinem Leben?
Jürgen: Allerdings bin ich wie die meisten von uns nicht hauptberuflich Künstler. Das funktioniert (jedenfalls im Moment) noch nicht. Mein ursprünglicher Beruf trägt mich und kommt mir überdies in meiner Kunst zugute. Um hochwertige Ergebnisse zu erzielen, schränke ich sonstige private Betätigungen auf ein Minimum ein, sodass mir ausreichend Zeit für meine kreative Seite bleibt.

Manuela: Wie entstehen deine Werke und wie gehst du an sie heran? Berichte doch ein wenig auch über deine Technik.
Jürgen: Also. Zunächst ist da ein Gedanke. Je nachdem entsteht oft nach Wochen erst ein genaueres Bild. Eine gewisse Reifezeit ist wichtig, man sollte nichts überstürzen. Das Werk nimmt zunächst im Kopf Gestalt an. Vieles wird sich in diesem Stadium noch ändern, bevor die Art der Umsetzung entschieden wird. (Was will ich wie am verständlichsten an den Mann bringen?)
Parallel wird über das zu behandelnde Thema recherchiert, Skizzen werden angefertigt. Es kommt vor, dass ich Modelle oder sonstiges Reverenzmaterial besorgen muss. Die Inspiration kommt mit der Zeit auf unterschiedlichsten Wegen zu mir, ich muss nur die Augen offen halten.
Wenn alles steht, kann es endlich losgehen! Von jetzt an ist vieles routiniertes Arbeiten nach einem vorgegebenen Drehbuch – bis zu jenem magischen Augenblick an dem es vollendet ist.
(So ist es jedenfalls bei den aufwendigen Illustrationen. Male ich Landschaften oder Tiere etc. in Öl, Acryl oder Aquarell (Prima Malerei), gehe ich hingegen sehr beherzt und spontan vor.) Und nein- ich nutze keine KI!

Manuela: Hast Du ein Anliegen das Du mit Deiner Kunst verfolgst?
Jürgen: Als ich jung war, wollte ich tatsächlich mal das eine wichtige große Bild malen. Es sind viele Bilder geworden. Viele Gespräche. Viele Menschen. Viele Orte. Selbstverständlich möchte ich etwas bewegen. Durch die Unabhängigkeit vom Kunstbetrieb habe ich den Luxus wirklich das zu machen, was mir am Herzen liegt. Eben einer sehr nervösen Zeit etwas Aufmerksamkeit, Ruhe, Humor und vor allem positives Denken entgegenzusetzen.
Manuela: Was inspiriert dich, bzw. wie bilden sich deine Ideen für Werke aus?
Jürgen: Ja, was lässt mich meine Ideen haben? Douglas Adams sagte mal, er habe seine Ideen aus einem Kaufhaus in Cleveland… (Ob das stimmt?) Keine Ahnung ob man lernen kann Ideen zu haben. Bei mir jedenfalls kommen sie regelmäßig reingeflattert…
Dann muss ich sie gleich irgendwo notieren, sonst sind sie genauso schnell wieder verschwunden wie sie gekommen sind! Habe jedenfalls schon sehr, sehr viele gesammelt, werde wohl nur einen Bruchteil davon umsetzen können.
Manuela: Wieviel deiner eigenen Persönlichkeit und deines eigenen Lebens, Umfeld, Menschen usw. finden sich in deinen Werken wieder?
Jürgen: „Ohne die Schule des Lebens ist das wichtigste Kunststudium vergebens.“
Es ist natürlich ideal, wenn man weiß, wovon man spricht. Wenn man wirklich was zu sagen hat. (Und das auch darf.) Die superheftigen Themen die unter den Nägeln brennen, die persönlichen Erlebnisse in denen man selbst mittendrin steckt oder steckte sind natürlich am ehesten geeignet um starke Resultate zu erzielen…
Die MÖWE war voll von sehr ureigenen Erfahrungen und Ansichten. Ja es hat sich gezeigt, dass gerade diese beim Publikum die meisten Fragen aufwarfen.
Der brennende Esel ist so ein Bild.

Eine Metapher. Jener graue Geselle, der da stoisch dieses farbenfrohe, kreative Inferno auf seinem Rücken (er)trägt, bin in diesem Falle ich selbst. (Oder es könnte jeder andere sein, der sich in dieser Darstellung eingefangen findet.) Die bunten Flammen können alles Mögliche symbolisieren. Sie stehen für die großen Aufgaben des Lebens, an denen jeder von uns zu knabbern hat, die jeder mit sich herumschleppt…
Manuela: Was war Deine schönste Reaktion auf Deine Kunst, die Du bekommen hast? Und was die Schlimmste?
Jürgen: Eine schöne Begebenheit ereignete sich tatsächlich überraschend beim Examen. Ein Professor sagte damals anerkennend: „ (…) Dieser Mann ist ein Künstler.“ (Ging natürlich runter wie Öl damals und war Ansporn genug um weiterzumachen!)
Unschön hingegen ist, wenn die Leute sich keine Zeit nehmen hinzuschauen. Es ist immer sehr schade wenn sie die oft in monatelanger Arbeit entstandenen Werke gar nicht richtig beachten und ruhelos von einem zum nächsten Exponat hetzen.
Manuela: Was tust du, wenn du Inspiration für deine Werke brauchst und gerade nicht weiterkommst?
Jürgen: Ich unterbreche die Arbeit. Die Lösung kommt mit ein wenig Abstand irgendwann. Nur Geduld!
Manuela: Eine Frage, die Dich gerade bewegt
Jürgen: Wie viele Tropfen braucht es, wenn es ein Meer sein will? (WIE DIE MÖWE FLIEGT)
Manuela: Was hat dich zuletzt inspiriert?
Jürgen: Menschen. Immer wieder Menschen.
Manuela: Was ist Kunst für dich? In 3 Worten!
Jürgen: Kreativität Entwicklung Kommunikation
Manuela: Woran arbeitest du im Augenblick?
Jürgen: Nach der MÖWE wird einiges anders werden. Diese Ausstellung steht für das Ende eines Abschnitts. Ich denke es ist an der Zeit für größere Serien und Themenreihen.
Zunächst will ich mich aber mit einem Skizzenbuch, handelnd von einer gewissen kleinen Seefahrt belohnen…
Manuela: Von welchem Projekt „träumst“ du?
Jürgen: Da gibt es im Norden eine große alte Kathedrale… Ein sehr besonderer Raum. Dort würde ich gerne einige ausgewählte Stücke zeigen…
Manuela: Wo kann man dich in diesem Jahr 2026 finden (auf welchen Ausstellungen/ Messen/ Kunsttagen….)
Jürgen: Eigentlich läuft ständig irgendwas. Gemeinschaftsausstellungen mit den Vereinen in und über die Region hinaus, ganz sicher aber wieder im Ruhrgebiet. Genaues ist noch gar nicht raus. Das Projekt ´´Katalog´´ will auch endlich angegangen sein.
Manuela: Wo bist du online zu finden?
Jürgen: Auf Instagram habe ich einen Account unter der Adresse kunst-juergen-hohmann. Dort kann man neben aktuellen Beiträgen auch viele Bilder und Texte zur Ausstellung WIE DIE MÖWE FLIEGT im Museum Modern Art in Hünfeld sehen.
Dankeschön.
