Artist Talk: Kristina Künzel – Pipes for good vibes

Ich freue mich, dass ich die erste Musikerin für den Artist Talk gewinnen und interviewen durfte. Sie wohnt sogar ganz bei mir in der Nähe in der Nordheide.

Manuela: Kannst du dich bitte einmal kurz vorstellen? Woher stammst du und wo lebst du?

Kristina: Mein Name ist Kristina Künzel und ich bin als Musikerin im Bereich Folk und Mittelaltermusik tätig. Ursprünglich komme ich von der schleswig-holsteinischen Ostseeküste. Inzwischen wohne ich in Otter, am Rand der Lüneburger Heide.

Manuela: Erzähle doch ein wenig, wie du zur Musik gekommen bist und was du beruflich vor deinem Leben als Künstlerin getan hast. Berichte doch gerne, wie es sich für dich ergab neben dem Beruf den künstlerischen Weg einzuschlagen.

Kristina: Musik habe ich mein ganzes Leben von klein auf gemacht. Es ging los mit Flöten, Gitarre, Posaune, Didgeridoo, bis ich schließlich zum Dudelsack kam. Bevor ich hauptberuflich als Musikerin tätig wurde, war ich Grafikdesignerin. In die Tätigkeit als freiberufliche Musikerin bin ich so reingerutscht. Erst hatte ich als Gastmusikerin ein paar Konzerte parallel zu meinem Vollzeitjob. Dann habe ich mir eine Teilzeitstelle gesucht und die Musik parallel weiter ausgebaut: ich habe ein festes Bandprojekt gefunden, mehr Workshops gegeben und mit Unterrichten angefangen bis ich schließlich die Teilzeitstelle gekündigt habe.

Manuela: Gab es z.B. ein besonderes Ereignis, das den Ausschlag dafür gegeben hat, um die musikalische Laufbahn einzuschlagen?

Kristina: Genau genommen gab es sogar zwei Ereignisse. Das erste Ereignis war die bereits erwähnte Gastmusikerschaft bei einer relativ bekannten Band, Schandmaul. Dadurch habe ich gemerkt: ich kann das. Ich kann professionell Musik machen und ich habe Spaß daran. Das zweite waren die Bedingungen unter denen Grafikdesignern arbeiten: trotz Teilzeitstelle war ich teilweise bis 3 Uhr nachts in der Agentur. Dazu war ich irgendwann nicht mehr bereit, da stehe ich lieber bis 3 Uhr nachts auf Workshopwochenenden als Sessionspielerin bereit.

Manuela: Wie hat dein Umfeld deine Leidenschaft für die Musik beeinflusst und/oder aufgenommen?

Kristina: Als Kind haben meine Eltern den Instrumentalunterricht gefördert. Ansonsten kam gerade beim Dudelsack das Thema auf: „kannst du nicht einmal was Richtiges spielen?“ Aber inzwischen hat sich das gewandelt, es wird als spannend empfunden, was ich mache, auch wenn viele nicht nachvollziehen können, was ich für ein Leben führe und dass es durchaus auch anstrengend und als Job ernst zu nehmen ist: die Wochenenden unterwegs, innerhalb der Woche meistens zu Hause.

Manuela: Deiner Website konnte ich entnehmen, dass du noch in 2 weiteren Gruppierungen spielst neben deiner Solokarriere und dass die Bereiche teilweise sehr unterschiedlich sind. Was ist dabei für dich das Herausforderndste und was machst du am liebsten?

Kristina: Die beiden Projekte unterscheiden sich hauptsächlich in der Art der Veranstaltungen auf denen wir spielen und die Art und Weise wie wir uns jeweils darstellen. Ich denke das Herausforderndste ist es, die einzelnen Termine unter einen Hut zu bekommen, denn alle meine Kollegen haben ja auch noch unterschiedliche Projekte. Außerdem muss ich dadurch eine Menge Repertoire und Arrangements lernen und ich mag es nicht, bei Konzerten einen Notenständer vor der Nase zu haben. Mir fällt es aber relativ leicht, mich musikalisch anzupassen. Ich lerne auch leicht die Melodien auswendig, so dass mich die Menge nicht überfordert.

Manuela: Du lebst in der wunderschönen Lüneburger Heide und gibst Konzerte in alten Heidekapellen. Wie kam es zu dieser Idee und diesem Projekt, in wechselnden Kapellen einmal im Monat ein Stück zu komponieren und zu spielen?

Kristina: Die Initialzündung gab dafür die Beerdigung meiner Mutter: ich habe ein Stück während der Bestattungsfeier für sie improvisiert und daraus wollte ich gerne was Schönes erschaffen und nicht in der traurigen Erinnerung bleiben. Also habe ich versucht, mich späte an die Improvisation zu erinnern und daraus ein Stück zu schreiben, das erste der ganzen reihe. Der vRest entstand dann aus einem Corona-Projekt. Wir Musiker konnten über viele viele Monate nicht unserem Broterwerb nachgehen und es war eigentlich ein permanentes auf-der-Suche-sein nach Möglichkeiten wie man trotzdem Musik machen kann und eventuell ein wenig Geld verdient. Das Projekt wurde mit einem Stipendium von der Gema gefördert.

Manuela: Du komponierst auch selbst, wie sieht dein typischer Songwriting-Prozess aus und was treibt dich an? Wie würdest du deinen kreativen Prozess beschreiben? Gibt es ein Ritual, das du hast, wenn du neue Musik schreibst?

Kristina: Die Stücke entstehen entweder wenn ich improvisiere, also einfach spiele was gerade durch mich raus möchte oder auch beim Spazieren gehen, dann summe und singe ich oft vor mich hin. In beiden Varianten sind es erst einmal die absoluten Rohfassungen die ich erst einmal als Audioaufnahme festhalte. Dann mache ich mich ans Feintuning. Entweder direkt am Instrument oder auch (im selteneren Fall) indem ich die Noten zu den Rohfassungen aufschreibe und dann optimiere. In jedem Fall steht am Ende das Stück auf einem Notenblatt, manchmal kommt noch eine zweite oder dritte Stimme hinzu oder es wird auch gleich eine Arrangementidee dazugeschrieben.

Manuela: Was sind die größten musikalischen Einflüsse für deine Arbeit, und gibt es Künstlerinnen, die dich besonders inspirieren?

Kristina: Ich interessiere mich grundsätzlich für Folkmusik aus Europa, am meisten aus Nordeuropa und Deutschland. Für die Entwicklung meiner eigenen Stücke beeinflusst mich das allerdings weniger, für die allgemeine Arbeit inspiriert es mich ganz sicher. Da die Folkmusik in Deutschland ein Terrain ist, an deren Verbreitung und Anerkennung wir in der Szene gerade erst arbeiten, ist das nichts woran ich mich inspirieren lassen kann, sondern an dessen Entwicklung ich mit beteiligt bin.

Manuela: Wie bringst du deine persönlichen Emotionen und Erfahrungen in deiner Musik ein?

Kristina: Da die meisten Stücke aus der Improvisation entstehen, sind sie stark von dem jeweiligen Moment geprägt, in dem sie entstehen, mit allen gerade vorherrschenden Emotionen und den Erfahrungen die ich da vielleicht gerade verarbeite.

Manuela: Was brauchst du um schöpferisch tätig zu sein? Bzw. wie bilden sich deine Ideen für Stücke/ Kompositionen oder Konzerte aus?

Kristina: Natur und Ruhe. Wenn ichgestresst bin bzw. viel auf dem Zettel habe, dann kommt es etwas in den Hintergrund, die Stücke zu entwickeln. Wenn es um Arrangements in den Bands geht, dann sind wir daran meistens alle beteiligt, dafür gehen wir in den Austausch und probieren aus, was passt. Wir brainstormen dann sozusagen musikalisch.

Manuela: Wenn du deine Musik mit einem Bild, einer Farbe oder einem Gefühl beschreiben müsstest, welche(s) würdest du wählen?

Kristina: Mein Motto lautet „pipes for good vibes“ und das ist es auch, was ich mit der Musik vermitteln möchte: eine gute Schwingung. Das Bild dass ich mit meiner Solomusik am meisten verbinde ist der Fliegenpilz.

Manuela: Du trittst ja auch auf, mit den anderen Bands, Konstellationen und Solo. Für welche Anlässe wirst du oder werdet ihr gebucht?

Kristina: Das geht von Privatveranstaltungen (Hochzeiten, Geburtstage, Bestattungen) über Konzerte bei kleineren und größeren Veranstaltungen bis hin zu kleineren und größeren Folk-Festivals und mittelalterlichen Veranstaltungen.

Manuela: Was möchtest du, dass die Zuhörerinnen aus deiner Musik mitnehmen?

Kristina: Raus aus dem Schubladen denken und Offenheit. Als Dudelsackspielerin habe ich immer wieder damit zu tun, dass die Menschen denken, er kommt aus Schottland. Das stimmt aber nicht, der Dudelsack war und ist vom nahen Osten aus in ganz Europa verbreitet. Außerdem spiele ich mit Silja auch Klezmerstücke, also jiddische Musik, auf dem Dudelsack. Das finden viele Traditionalisten auch erst einmal etwas seltsam. Aber warum nicht? Die. Musikanten haben sich immer international ausgetauscht, sind viel gewandert, waren open-minded, das möchte ich auch heute vermitteln. Ich arbeite genreübergreigfend zwischen Folk und mittelalterlicher Musik, auch da eine Toleranz und eine Begeisterung für die unterschiedlichen Genres zu haben und das jeweils andere nicht zu verurteilen liegt mir am Herzen.

Manuela: Spielst du auch noch andere Instrumente?

Kristina: Ja, ich spiele auch Nyckelharpa (ein schwedischen Streichinstrument), singe auch und spiele etwas Flöte.

Manuela: Was sind die größten Herausforderungen für professionelle Musikerinnen heute?

Kristina: Die Schwierigkeit an gut bezahlte Konzerte zu kommen und das Sterben der kleineren Veranstaltungsorte. Die Menschen gehen seit der Pandemie weniger zu kleineren Konzerten (da spreche ich von Bühnen bis ca. 150 Personen im Publikum). Dadurch schließen viele dieser Veranstaltungsorte oder verlagern den Fokus ihres Programms. Hinzu kommt, dass die oft von Ehrenamtlichen geführt werden, die auch älter werden und oft keine Nachfolger mehr finden.

Manuela: Welche Bedeutung haben soziale Medien für deine Arbeit und die Kommunikation mit deinen Fans?

Kristina: Zu den Sozialen Medien habe ich eine schwierige Beziehung. Ich nutze sie, weil ich muss, weil es wichtig ist, um im Gespräch zu bleiben. Natürlich auch, weil ich mich freue zu zeigen, was wir mit unseren Bands oder auch ich Neues habe: Aber ich habe keine wirklich Freude daran. Ich bin auch nicht der Typ, der jeden Tag was postet oder ständig alle an meinem Privatleben teilhaben lässt. Aber ich bekomme immer wieder die Rückmeldung, dass viele über meine Videos auf mich gestoßen sind. Social Media Präsenz muss als Musiker/als Band heutzutage einfach sein. Alleine schont damit Veranstalter in ihrer Werbung unsere Profile verlinken können.

Manuela: Wie hat sich deine Musik im Laufe der Zeit entwickelt?

Kristina: Ich denke ich bin selbstbewusster geworden, in dem was ich tue und das spiegelt sich auch in meiner Musik wieder.

Manuela: Wieviel Raum und Zeit nimmt die Musik in deinem Leben ein?

Kristina: Schwer zu sagen, man macht als Musikerin ja nicht nur Musik, aber die Musik bestimmt mein Leben in allem was ich tue.

Manuela: Gibt es Menschen, die deine Musik und dein Schaffen beeinflusst haben?

Kristina: Eigentlich alle Dozenten, bei denen ich im Laufe meines Musikerdaseins Workshops genommen habe:Jon Swayne, Olle Gällmo, Anders Norde, Callum Armstrong, Julien Barbances, Ralf Gehler, Johan Hedin …

Manuela: Was macht dir bei deiner Arbeit am meisten Spaß und was fordert dich am meistenheraus?

Kristina: Am meisten Spaß macht mir alles, was direkt mit Musik zu tun hat. Am herausforderndsten, weil es mir am schwersten fällt, ist die Social Media Arbeit und die oft knappe Zeit.

Manuela: Was war Deine schönste Reaktion auf Deine Musik, die Du bekommen hast?

Kristina: Die schönsten Reaktionen sind jeweils die, wenn nach einem Konzert jemand ankommt und sagt: Danke, das habe ich jetzt gebraucht, deine Musik hat mein Herz geöffnet.

Manuela: Gibt es ein bestimmtes Projekt oder Ziel, das du in den nächsten fünf Jahren erreichen möchtest?

Kristina: Ich habe gerade angefangen, Musiktherapie zu studieren, dort meinen Abschluss zu machen ist mein Ziel für 2028.

Manuela: Eine Frage, die Dich gerade bewegt

Kristina: Es ist nicht unbedingt eine Frage, aber ich habe das Gefühl, dass viele Menschen in den letzten Jahren/Monaten immer rücksichtsloser werden. Das bewegt mich sehr …

Manuela: Was hat dich zuletzt inspiriert?

Kristina: Mein Studium beschäftigt mich gerade sehr. Ich denke, dass auch meine Musik in Zukunft davon inspiriert sein wird.

Manuela: Was ist Musik für dich? In 3 Worten!

Kristina: Leben, Kommunikation, Heilung

Manuela: Woran arbeitest du im Augenblick?

Kristina: Für das Studium muss ich meine Gitarren- und Klavierspielfähigkeiten wieder auffrischen und ausbauen, außerdem muss ich für das Studium auch Schlagzeug spielen. Das heißt: ich bin gerade viel am Üben.

Manuela: Welches war dein bislang schönstes Projekt?

Kristina: Das ist gar nicht so leicht zu sagen, alle Projekte haben bzw. hatten ihre starken Seiten. Die beiden Projekte , die aktuell neben meinem Solo-Projekt laufen, sind aber die, bei denen ich mich momentan am meisten angekommen fühle. Silja, weil es musikalisch genau das ist, was ich machen möchte, nämlich mit Musik Grenzen und Vorurteile überwinden und die Ähnlichkeiten zwischen der deutschen und der jüdischen Kultur, in unserem Fall natürlich der Musik, aufzeigen. Und Satolstelamanderfanz, weil es hier so vielfältig ist und wir zusammen eine unglaubliche Spielfreude haben.

Manuela: Deine nächsten Projekte, Kooperationen, Konzerte, Termine. Wo kann man dich in diesemund kommenden Jahr sehen?

Kristina: Anfang Januar kann man mich als Dozentin für Tanzmusik und Tanz in Nürnberg erleben. Im März kommen dann ein paar Konzerttermine mit Silja, bzw. spielen wir dann auch teilweise zum Tanz. Der Sommer ist für Satolstelamanderfanz reserviert, da werden bis März die Termine für das Jahr gefixt. Im Herbst finden dann wieder Konzerte mit Silja statt, eines auch ganz in der Nähe in Handeloh. Außerdem gebe ich dann von einem wunderbaren Puppentheater in Northeim einen Dudelsackkurs, der auch für Anfänger geeignet ist. Eine Anmeldung ist bereits jetzt möglich 😉

Alle Termine findet man auf meiner Website unter https://musik.kristinakuenzel.de/shows/

Außerdem bin ich im Orgateam für das nord folk festival im Goldbekhaus in Hamburg, das im Herbst stattfindet, dort sind bereits in Planung für die nächste Ausgabe. Nach dem Festival ist vor dem Festival.

Mit Satolstelamanderfanz planen wir ein neues Album. Wann das erscheinen wird ist noch unklar, aber wir beginnen nächstes Jahr mit den Aufnahmen.

Manuela: Wo kann man dich online finden?

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