Montagsgedicht: Halyna Kruk

Übergang | 100x80cm | 2022 | Manuela Mordhorst | available

[In einem anbrechenden Herbst]

In einem anbrechenden Herbst
wenn die lästigen Gedankenfliegen
nicht zu dir vordringen können im Morgengrauen,
diesem letzten Aufmarschgebiet des Schlafes,
von dem aus ein Rückzug unmöglich ist,
schaust du auf all das,
als sähest du es zum ersten Mal:
dieses Häuschen auf der Anhöhe,
ganz von wildem Wein
und wirren Wucherblumen umrankt,
dieses spartanische Bett,
das alle hier verfassten Gebete noch weiß
dieser eigene Mann hinter der Wand,
der sich nicht eignete…
gesteh deine Niederlage ein,
gesteh endlich deine Niederlage ein!
in diesem gebrochenen Herbst,
der wie einer, dem die Kameraden enteilt sind,
kraftlos eine Blutspur nachzieht –
weg von den Menschen
weg von dem heiseren Radioempfänger,
der stündlich Nachrichten von der Frontlinie sendet,
weg von der Frontlinie,
die nie so gerade ist wie der Horizont
sondern besser gesagt holprig
wie die Sprache eines besetzten Gebietes
wie das Kardiogramm deines Herzens
das sich mit sich selbst schlägt
um das Recht, nicht zu schlagen.

© Halyna Kruk, Übersetzt von Claudia Dathe

* 30.11.1974, Lwiw, Ukraine
lebt in: Lwiw, Ukraine

Halyna Kruk wurde am 30. November 1974 in Lwiw in der Ukraine geboren. Sie ist Dichterin, Prosaautorin, Übersetzerin, Kritikerin und Literaturwissenschaftlerin. 2001 promovierte Kruk in ukrainischer Literatur, inzwischen hat sie eine Professur für Literaturwissenschaft an der Universität von Lwiw inne. Sie ist auf mittelalterliche ukrainische Literatur spezialisiert.

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